Montag, 7. März 2011

Frequenzweichen und Frequenzgangentzerrung - Sinn und Unsinn

Für mich persönlich sind Fullrange-Breitbänder (BB) als Open Baffle oder als Horn bzw. Koax-Hörner die Favoriten unter den vielen Lautsprecherkonzepten. Zudem ist für den Betrieb mit kleinen Eintaktern ein Wirkungsgrad von mindestens 94 dB/W/m wünschenswert.


Umrechnungstabelle zwischen Kennschalldruck in dB und Wirkungsgrad in %,
Quelle: Wikipedia


Bei Koaxen sind selbstredend die beiden Treiber - schlimm genug, aber leider unvermeidlich - mittels (möglichst einfach zu haltender) Frequenzweiche zu trennen, bei BB hingegen sollte auf jedwedes Filternetzwerk verzichtet werden. In einigen Selbstbaumagazinen ist hin und wieder zu beobachten, dass z.B. Bauvorschläge für ein Backloaded-Fullrange-Horn für den Breitbänder eine Frequenzganglinearisierung vorsehen. Eine katastrophale Maßnahme, die nicht nur den Wirkungsgrad reduziert, sondern auch noch den guten Klang rausfiltert! Meiner Erfahrung nach bleibt in Frequenzweichen, Saugkreisen, Impedanzlinearisierungen etc. extrem viel Klangqualität auf der Strecke; selbst bei Verwendung allerfeinster Bauteile bleibt dieser Effekt erhalten. Warum also nicht gleich einen vernünftigen BB wählen, der keinen Achterbahn-Frequenzgang aufweist? Oder - noch besser - sich eine etwas gelassenere Sichtweise der Dinge zu Eigen zu machen... So wird z.B. für die "Breezer" aus der K+T 2/2011 explizit der Betrieb ohne Frequenzganglinearisierung empfohlen, gleichwohl alternativ eine solche vorgestellt wird - sehr gut!
  
 
Wir gehören nicht in einen Lautsprecher, weil wir den guten Klang rausfiltern...


Häufig sind Aussagen zu hören, dass der Frequenzgang hochwertiger Lautsprecher nur innerhalb einer Bandbreite von 3dB schwanken dürfe und anderer seltsamer Quatsch. Diese Aussagen von Messwerte-Fetischisten können Sie getrost vergessen. Dazu möchte ich folgende Gedankenanstöße geben.

Raumakustik
Jeder "Hörraum" hat seine akustischen Eigenarten, sozusagen seinen "Fingerprint". Verhältnis von Breite zu Höhe zu Tiefe, rechteckig oder "ums Eck", Teppich oder Parkett, Holzdecke oder Betondecke, Einrichtung, Glasflächen, schwere Sofa-Garnituren... all das beeinflusst den Hörraumfrequenzgang und bestimmt teilweise die Frequenzen der so genannten Raummoden. Was also der Hörraum mit dem Frequenzgang des Lautsprechers veranstaltet, brauche ich Ihnen wohl nicht näher zu erläutern...

Gehörfrequenzgang
Nicht nur, dass sich der Frequenzgang des Lautsprechers mit dem des Hörraums überlagert ("Superposition"), jetzt kommt´s noch schlimmer: Wie verläuft denn überhaupt Ihr persönlicher Gehörfrequenzgang? Ich empfehle hierzu, beim HNO-Arzt Ihres Vertrauens ein Tonaudiogramm (Audiometrie) durchzuführen um sich selbst einmal vor Augen zu führen, was für eine Frequenzgang-Achterbahn Ihr Gehirn aus den bereits durch Raumeinflüsse "verbogenen", vom Ohr gelieferten Informationen für Ihr Bewusstsein zusammenbaut...


Beispiel für ein relativ "lineares" Tonaudiogramm; wie sieht Ihrs aus?
Quelle: Wikipedia


Es wird also Zeit, etwas relaxter mit kleinen "Dellen" im Lautsprecherfrequenzgang umzugehen und endlich aufzuhören mit der Unart, die Frequenzgänge tot zu linearisieren. Der schön zu messende "Linealstrich" lässt den Messwertefreak ruhig schlafen, klingt vielleicht sogar schön "neutral" - wie es sich aus Sicht vieler gehört, wenngleich um den Preis eines Wirkungsgrades von 0,5% oder noch niedriger - und ist damit garantiert zum Sterben langweilig... Denn jedes Filterelement filtert nicht nur Frequenzen, sondern den Klang gleich mit.


Empfindlichkeit des menschlichen Gehörs,
Quelle: Wikipedia

Kommentare:

  1. Grundsätzlich interessant und nachvollziehbar, die Idee mit dem Frequenzgang-Fehler. Anmerken möchte ich jedoch folgendes: Als jemand, der wie ich täglich Lautsprecher überarbeitet und sehr wohl im Frequenzgang korrigiert, sollten wir etwas differenzieren. Es gibt sehr stark störende Fehler im Frequenzgang, und Fehler, die tatsächlich ignoriert werden können. Stark störend ist zum Beispiel, wenn einzelne Frequenzen zu laut wieder gegeben werden. Peaks im Bereich größer 3-4 dB über dem Mittelmaß sind leider doch sehr auffällig. Mein Job ist jetzt, abzuwägen, ob einzelne Peaks beseitigt werden müssen oder aber bleiben können - Ja, ein Saugkreis oder ein Sperrkreis ist hörbar. Da stimme ich dem Autor zu, muss sehr sorgfältig abgewogen werden, was man macht. Kommt auch drauf an, welche Musikrichtung gehört wird.

    Ebenso störend ist, wenn der Hochtonbereich einer Box zu leise ist. Wenn z.B. ein toller Breitbänder benutzt wird, er einfach keinen Hochton wiedergeben kann, dann klingt es eben nicht - auch eine noch so tolle Räumlichkeit oder Genauigkeit wird zu stark getrübt durch die Einschränkung.

    Frequenzweichen generell abzulehnen würde ich auch nicht ganz so streng sehen - es gibt tatsächlich ganz hervorragend klingende Lautsprecher mit Frequenzweichen - womit bewiesen wäre, dass es nicht prinzipiell daran liegen kann. Aber auch hier wieder folgendes: Wirklich nur wenige Bauarten (Typ,Hersteller, Material) sind eben diese ganz hervorragenden Teile... und sie sind, wie so immer im Leben, leider sehr teuer. Mit einfachen Mundorf-M-Cap250 wie auf dem Foto hier ist zwar schon ein guter Anfang, aber einen "Blumentopf gewinnen" - da muss man dann eben in die oberste Schublade des genannten Herstellers greifen - da müssen schon andere Register gezogen werden. Was die Sache so schwierig macht, ist der Umstand, dass solche Teile eben auch etwa 60 - 100 Betriebsstunden haben müssen, bevor sich die Qualität wirklich bemerkbar macht. Also, auf dem Weg zur Erkenntnis liegen viele Steine - aber er lohnt sich. Denn Lautsprecher haben für mich zumindest immer noch die größte Faszination im Bereich der Musikwiedergabe.
    Gruß an den Inhaber des Blogs!
    Georg S.

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  2. Hallo Georg,
    danke für Deinen fundierten Beitrag. Natürlich geht´s nicht immer ohne Frequenzweiche, da bin ich ganz bei Dir. Leider gibt es in der Tat nicht so furchtbar viele wirklich geeignete Fullrange-BB, die keine Korrektur benötigen. Wie es mit "moderat" ausgelegten Frequenzweichen funktionieren kann, zeigt für mich insbesondere Ulf Moning/Dynamikks! mit seinen Koax-Lösungen.
    Gruß,
    Carsten/2A3 Maniac

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