Samstag, 28. Mai 2011

Review: Pointos Quanta

Vor gut zwei Wochen kam die Pointos Quanta zu mir zu Besuch (vgl. hier), schick in Raucheiche gekleidet. Optisch und haptisch hinterließ sie also gleich einen sehr guten Eindruck, die Verarbeitung war (und ist) einwandfrei - schön!
 
Aber was für einen Lautsprecher haben wir denn technisch gesehen eigentlich vor uns? Dem Kenner fällt sofort der 20cm-Vollbereichs-Breitbänder eines bekannten italienischen Herstellers ins Auge, daher halte ich die Wirkungsgradangabe von 92 dB eher für konservativ, hier können ruhigen Gewissens locker 2-3 dB hinzu addiert werden. Die Nennimpedanz von 4 Ohm haken wir als gegeben ab - die Ausgangsübertrager meiner Uchida laufen zwar auf der 8 Ohm-Anzapfung, aber das hat z.B. im Betrieb mit dem CH250-Chassis von Ciare - ebenfalls ein "4-Öhmer" - auch nie Probleme bereitet.
 
 
 
Schlanke Silhouette: Pointos Quanta in Rauchesche
 
 
Das gleichwohl erwachsene, aber nicht übergroße Gehäuse hat eine schlanke Silhouette von 29 cm Breite und wirkt in der Proportion zur Höhe von ca. 103 cm elegant - potenzielle Kunden, die auf einen hohen wife acceptance factor angewiesen sind, haben mit der Quanta gleich gute Karten. Dafür baut das Gehäuse - von vorne kaum auffällig - mit 46 cm recht tief, was seinem Transmissionline-Prinzip geschuldet ist. Das ist insofern bemerkenswert, als ich diesen Treibertyp bislang nur in Hörnern oder Bassreflex-Kisten erlebt habe. Ambitioniert erscheint mir die Angabe der unteren Grenzfrequenz von 35 Hz (-3dB-Punkt) - da ich bin sehr gespannt!
 
Der für mich persönlich wichtigste Aspekt ist jedoch, dass der Treiber völlig filterlos läuft: kein Sperr- oder Saugkreis, keine Impedanzlinearisierung - nichts! So soll es sein, kein weiteres Bauteil im Weg, welches Wirkungsgrad kostet und die Seele der Musik in Wärme umwandelt... Ein Entwicklungsansatz, den man übrigens viel zu selten erlebt: Man nehme ein anständiges Breitbandchassis, schneidere diesem ein passendes Gehäuse auf den Leib und verzichte auf jedwedes Filternetzwerk, welches den armen Lautsprecher doch nur zu Tode linearisiert und ihn wie einen billigen Abklatsch seiner selbst klingen lässt. Hauptsache, der Frequenzschrieb ist linealgerade, und dass die Phase eine Achterbahnfahrt macht, erscheint ja eh´ in keinem Prospekt... Sei´s drum, ich schweife ab - die Quanta rennt bei mir mit ihrem technischen Ansatz jedenfalls offene Türen ein.
 
Die Lautsprecheranschlüsse sitzen auf Chassis-Höhe im Ausgang der rückwärtigen, am oberen Ende des Gehäuses befindlichen Transmissionline; eine kürzere Innenverkabelung dürfte kaum möglich sein. Beste Voraussetzungen also für das Zusammenspiel mit meinem Röhren-Eintakter.
 
 
 
Master & Servant
 
 
Die Quanta hat solide Lautsprecheranschlüsse zur Aufnahme von Bananen-Steckern oder blanken Litzen. Vorsicht beim Lösen: Zu weit gedreht, fällt einem womöglich die "Mutter" des LS-Terminals in den TL-Kanal - dann hilft nur noch ein Teleskop-Arm oder das Auf-den-Kopf-Stellen der Box...
 
 

 
Vorsicht - nicht fallen lassen,...
 
 
   
...denn hier geht´s abwärts!
   

Und wie klingt sie nun? Zunächst bestätigte die Praxis, dass der angegebene Wirkungsgrad sehr konservativ ist. Die 3,5 Watt meiner Uchida (respektive 2,3 Watt mit Monoplates) reichten in meinem ca. 40 qm großen Raum für alle Lebenslagen aus, ohne dass jemals der Verdacht aufkam, hier wäre mehr Leistung von Nöten.

Im Zusammenspiel mit der Audio Note M1 Phono und dem Funk Firm Vector III musste sich der Lautsprecher bei mir zunächst noch etwas "freispielen"; meiner Erfahrung nach benötigt ein solcher 20cm-Breitbänder nämlich locker 80 bis 100 Stunden, um so richtig zu Potte zu kommen - die dürfte er nach vorheriger zweiwöchiger Einspielzeit wohl noch nicht auf der Uhr gehabt haben. Danach aber verschwanden auch die zuvor noch vernommenen kleinen Härten im Mittel- und Hochtonbereich.

Jetzt erst machte es Sinn, die Feinjustierung der Aufstellung vorzunehmen: Gegenüber der ursprünglichen Aufstellung (2,50 m Basisabstand, Abstand zur Rückwand 40 cm, Einwinkeln auf den Hörplatz so weit, dass von dort die seitlichen Innenflächen des LS so gerade eben zu sehen waren) drehte ich die LS wieder etwas weiter nach außen, so dass sich die Achsen deutlich hinter dem ca. 3 m entfernten Hörplatz kreuzten. Außerdem rückte ich die LS noch etwas weiter von der Rückwand ab (Abstand ca. 50 - 60 cm). Sie standen nun recht frei und die Absorber wichen für die weiteren Hör-Sessions den mitgelieferten Spikes. Mein "Hörraum" ist eher schwach bis mittelmäßig bedämpft, in anderen Räumen können sich natürlich ganz andere Aufstellungen als optimal erweisen.
 


20cm-Breitbänder mit Schwirrkonus
 

Auf den Plattenteller kam Rockiges bis Poppiges von Queen, R.E.M., U2 oder Coldplay, aber auch von den Shout Out Louds, The Smiths, Tracy Chapman, The Pogues, Warsaw (Joy Division), ebenso wie Klassisches (Vivaldis Vier Jahreszeiten (Yehudi Menuhin)) - ein ziemlich bunter Mix also.
 
Schnell war klar, dass dieser substanzielle, tiefe und gleichzeitig saubere Bass die Herstellerangabe zur unteren Grenzfrequenz keinesfalls Lügen strafte. Diese Wucht und Autorität hatte ich von einem solch kleinen Chassis - zumal einem Breitbänder! - nicht erwartet. Die Abstimmung der Transmissionline ist hier ohrenscheinlich sehr gut gelungen.

Der Tiefton war jedoch nicht überdominant oder vordergründig, sondern fügte sich harmonisch in das bruchlose Gesamtbild. Stimmen kamen sehr plastisch und sauber artikuliert; mit zunehmender Spieldauer schien der eine oder andere Sänger auch das Rauchen aufgegeben zu haben. Gerade im Stimmenbereich ließ sich sehr gut nachvollziehen, dass ein Breitbänder eine Weile braucht, bis er voll auf der Höhe ist.
 
Obertonreiche Instrumente hatten eine großzügige Strahlkraft und leuchteten eher silbrig als gülden - hier ist das richtige Einwinkeln der LS auf den Hörplatz wichtig, um die dem persönlichen Hörempfinden nach richtige Hochtondosis "abzuschmecken". Oder umgekehrt ausgedrückt: Ein solcher Breitband-Lautsprecher bietet im Gegensatz zu herkömmlichen Mehrwegekonzepten die Option, hier seine Experimentierfreude auszuleben, ohne dass es eines Pegelstellers für den "Tweeter" bedürfte. Paradoxerweise führt also gerade das häufig monierte Bündelungsverhalten von Fullrange-Breitbändern im Hochtonbereich zu einer gewissen Flexibilität. Das funktioniert natürlich nur, wenn beim "Ein- und Auswinkeln" der LS die Bühne nicht zusammenbricht respektive auseinanderreißt - und genau das ist bei der Quanta nicht der Fall.
 
Richtig aufgestellt, bietet die Quanta ein hohes Auflösungsvermögen, das - anders, als es der Schwirrkonus und das Fehlen eines Filternetzwerks vielleicht erwarten ließen - gerade in Verbindung mit Röhrenverstärkern über ein sehr schönes Hochton-Roll-Off verfügt.

Der so genannte "Sweet Spot" ist übrigens weit weniger ausgeprägt, als Breitbändern aufgrund ihrer Richtwirkung im Hochtonbereich Prinzip bedingt üblicherweise zugesprochen. Auch zwei oder drei Hörer nebeneinander kommen bei ca. 3 m Abstand in den vollen Klanggenuss, ohne dass es an Obertonglanz fehlt.
  
  
 
Ausgewachsener Allrounder: Pointos Quanta
 
 
Die Pointos Quanta ist ein sehr harmonisch abgestimmter, alltagstauglicher Allrounder, der im wahrsten Sinne des Wortes verdammt viel Lautsprecher für den aufgerufenen Kurs bietet. Ich täte mich schwer damit, auf die Schnelle eine Hand voll preisgleicher Alternativen aufzuzählen, die den gleichen (handwerklichen) Gegenwert bieten und klanglich derart röhrenkompatibel sind - was nicht heißen soll, dass dieser LS nicht auch mit transistorisierten Verstärkern klar käme (gleichwohl ich dies nicht ausprobiert habe). Wer - wie ich - dem Charme von Breitbändern erlegen ist, budgetmäßig aber nicht unbedingt einen Salabert-Treiber oder ein Seas Exotic "stemmen" möchte, dem möchte ich diesen Lautsprecher unbedingt ans Herz legen. Chapeau!

Weitere Infos und technische Daten gibt es auf der Website von Pointos.

Kommentare:

  1. Hallo Carsten,

    bitte schreibe keine so neugierig machenden Berichte mehr ;-) ich habe weder Lust darauf noch Geld auf dem Konto um mir solchen Luxus zu leisten. Ich merke mir aber mal die Marke Pointos.

    Grüße,
    Mathias

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  2. Hallo Mathias,

    sorry, kommt nicht wieder vor...
    ;-)

    Gruß,
    Carsten

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  3. Mich hätten ja noch die grobdynamischen Fähigkeiten interessiert. Ansonsten ein interessanter Bericht. Macht neugierig.
    Gruß K.S.

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  4. hört sich vielversprechend an............
    .......aber irgendwie macht mich so was immer neugierig was in solchen
    Lautsprechern drin steckt , was für´n Breitbänder in welchen Volumen
    (das ist das geringste Problem ,Aussenmaß minus wandstärke 19bis 27mm) und evtl Gehäuse Gimmiks und sperr bzw Sauggreise etc.

    Entschuldige wenn ich so denke, bin eben seit 25 Jahren Lautsprecher-
    Selbstbauer.

    Grüße und das beste für 2014

    Andreas

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  5. Der Sica 426 für 40 Euronen natürlich !!!!

    Lass dir mal so ein hochwertiges Gehäuse von nem
    richtig Guten Holzwurm Klöppeln, dann ist nich mehr fiel
    Budget für die Technik über.
    Und wenn man dann noch was verdienen will wird's mächtig eng

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