Sonntag, 9. Oktober 2011

Wie laut ist laut?

Wie oft habe ich mir schon Vorurteile oder sogar Gejammer - selbst einiger Besitzer von Single-Ended-Trioden (SET) - anhören müssen, die Lautsprechersuche für SET sei so schwierig, so richtig laut ginge es nicht, und der Bass, na ja, der nicht nennenswerte Dämpfungsfaktor, und, und, und...

Bei den vorgenannten wankelmütigen Besitzern von SET handelt es sich in den meisten Fällen um Zeitgenossen, die, gefangen in ihrer rastlosen Unruhe, immer wieder einen neuen Kick (=neues Gerät, also neue Lautsprecher, die SET ist ja "gesetzt") brauchen und sowieso nie zufrieden sein oder "ankommen" werden. Impedanzkrücken mit Minima um 2 Ohm, Wirkungsgradmonster mit 87,35 dB/W/m oder Mehrwegeriche mit 38er Bässen an die arme 3-Watt-Triode klemmen - kein Problem, oder?! Man wundert sich manchmal schon. Andere wiederum scheinen einfach (falsch) konditioniert zu sein durch die fortwährende Gehirnwäsche deutscher Standard-Hifi-Gazetten, die seit Anfang der 1980er-Jahre einfach nur Bullshit über Röhrenverstärker schreiben, SET kaum bis gar nicht beachten und ansonsten die beinahe transistormäßig klingenden 0815-Röhrenamps derer mit den dicksten Werbeanzeigen hochjubeln. Kein Wunder, dass viele Hifi-Fans SET kritisch bis uninteressiert gegenüberstehen - schade!

Zeit für ein Statement!
 
Was "geht" denn eigentlich mit einer SET und wie viel Leistung brauche ich wirklich? Zunächst einmal soll folgende kurze Aufzählung ein Gefühl bzw. einen groben Anhalt für in dB angegebene Schalldruckpegel unterschiedlicher Alltagssituationen geben:

0 dB             Hörschwelle bei 2 kHz
10 dB           Blätterrauschen, ruhiges Atmen
20-30 dB      sehr ruhiges Zimmer
40-60 dB      normale Unterhaltung in 1 m Entfernung
60 dB           Fernseher in Zimmerlautstärke in 1 m Entfernung
60-80 dB      Pkw in 10 m Entfernung
80-90 dB      Hauptverkehrsstraße in 10 m Entfernung
90 dB           Gehörschäden bei langfristiger Einwirkung
100 dB         Presslufthammer in 1 m Entfernung / Diskothek
110-140 dB   Kampfflugzeug in 100 m Entfernung
120 dB         Gehörschäden bei kurzfristiger Einwirkung
134 dB         Schmerzschwelle
140 dB         Gewehrschuss in 1 m Entfernung
150 dB         Düsenflugzeug in 30 m Entfernung
 
 
Nun darf man davon ausgehen, dass die meisten unter uns Hifi-Fans sich nicht dauerhaft Diskopegel (100 dB) zufügen, sondern eher zwischen "gehobener Zimmerlautstärke" und "es mal krachen lassen" hören (Kammermusik-Fans haben mit Trioden wohl sowieso keine Probleme). Einigen wir uns daher auf 90 dB (in 1 m Entfernung), die eine Hifikette dauerhaft als Schalldruckpegel abgeben können soll, um mir (in 1 m Entfernung, ich weiß, der Hörabstand ist größer...) langfristig Gehörschäden einzuhandeln...

Streng genommen ist in der weiteren Betrachtung zu berücksichtigen, dass die jeweilige Frequenz, bei der ein bestimmter Schalldruckpegel erzielt wird oder werden soll, einen maßgeblichen Einfluss auf die vom Verstärker zu liefernde Leistung hat. Nehmen wir aber der Einfachheit halber an, unser fiktiver Lautsprecher arbeite über alle Frequenzbereiche linear und verfügt über weitgehend gutmütige Impedanz- und Phasenverläufe. Berücksichtigen wir weiterhin, dass laute Spitzen in der Musik dem Verstärker kurzfristig eine bis zu zehn Mal höhere Leistung als im Mittel abverlangen ("Impulsleistung"). Weiterhin spielt das Bündelungsverhalten bei der nun folgenden Darstellung eine Rolle, streng genommen gilt diese nämlich nur für kugelförmig abstrahlende Schallerzeuger (z.B. Kugelwellenhorn):

Lautsprecher mit Wirkungsgrad <92 dB
Fehlkonstruktion; für "High Fidelity" ungeeignet.
Hin und wieder "heilbar" mit gängigen Trioden wie z.B. 6C33C, 211, 845


Lautsprecher mit Wirkungsgrad 92 dB
Wirkungsgrad 1%.
Nötige Verstärkerleistung für 90 dB: 0,63 Watt
Nötige Verstärkerleistung für 96 dB: 2,5 Watt
Geeignete, gängige Trioden: z.B. 300B, PX25

Lautsprecher mit Wirkungsgrad 94 dB
Wirkungsgrad 1,6%.
Nötige Verstärkerleistung für 90 dB: 0,4 Watt
Nötige Verstärkerleistung für 96 dB: 1,6 Watt
Geeignete, gängige Trioden: z.B. PX4, AD1/EBIII, 2A3, RE604

Lautsprecher mit Wirkungsgrad 96 dB
Wirkungsgrad 2,5%.
Nötige Verstärkerleistung für 90 dB: 0,25 Watt
Nötige Verstärkerleistung für 96 dB: 1,0 Watt
Geeignete, gängige Trioden: z.B. VT-52, 45, 2A3 Monoplate

Lautsprecher mit Wirkungsgrad 98 dB
Wirkungsgrad 4%.
Nötige Verstärkerleistung für 90 dB: 0,16 Watt
Nötige Verstärkerleistung für 96 dB: 0,63 Watt
Geeignete, gängige Triode: z.B. VT-25

Wir SET-Fans sind ja - zugegeben - bisweilen etwas dogmatisch in unserer Sicht der Dinge, aber wie bereits zuvor genannt ist die (Art der) Triode, aus welchen Gründen auch immer, meist gesetzt. Die kurze Darstellung oben mag als Orientierung dienen, sich für seine SET auf die Suche zu machen - ob Horn, Open Baffle oder Bassreflex, ob Fullrange-Breitbänder oder Zweiwegesystem, ob... na was auch immer, idealerweise mit einer (möglichst linearen) Nennimpedanz von 8 Ohm oder höher und möglichst geringen Phasendrehungen.

Hatte ich schon erwähnt, dass ich den neuerdings außerordentlich gut beleumundeten Class D-Verstärkern ablehnend gegenüberstehe - obwohl ich noch nie einen einzigen gehört habe? Nun, sie verwenden eben keine Trioden; mich interessiert einfach nicht, wie sie klingen. Von wegen Dogma und so...

Kommentare:

  1. Super info danke

    Grüsse hannes

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  2. ...Fehlkonstruktion; für "High Fidelity" ungeeignet...

    Hallo,
    du hast eine seltsame Definition von "High Fidelity".
    Dieser Begriff bedeutet nach wie vor "Hohe Wiedergabetreue".
    Als Fehlkonstruktionen bezeichne ich daher alle Verstärker, die dem Signal, welches von der Quelle geliefert wird, etwas hinzufügen oder nehmen, .
    Verstärker mit einem Klirrfaktor oberhalb der Hörschwelle gehören mit Sicherheit dazu!

    Mag ja sein, dass derartige Fehlkonstruktionen subjektiv gefallen - allerdings hat das dann mit Hi-Fi nichts mehr zu tun!

    Grüße - Manfred

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  3. Hallo Manfred,

    zu Verstärkern:
    SET besitzen - im Gegensatz z.B. zu Transistorverstärkern - ein Klirrspektrum, welches in seiner Verteilung viel eher den in den Natur vorkommenden Obertönen entspricht. Unter 5% Klirr k2 sind zudem objektiv nicht wahrnehmbar, und je höher der LS-Wirkungsgrad, desto geringer der Klirr einer SET bei gleicher Lautstärke. Daher besitzen SET Vorzüge, die sich leider nur mit wirkungsgradstarken Lautsprechern offenbaren. Natürlich wollte ich mit meiner Aussage auch etwas provozieren! ;-)

    Gruß,
    Carsten

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  4. Hehe, ein Kugelwellenhorn strahlt kugelförmig ab... Ja ne, is klar! :D

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  5. Moin "Atze",

    ja ja, das machen Kugelwellenhörner manchmal... ich freue mich über jeden aufmerksamen Blog-Leser - herzlich willkommen!
    ;-)

    Gruß,
    Carsten

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  6. Moin Carsten,

    wieso denn Atze? Konntest du etwas hellsehen das du es hier mit einem waschechten Atzen-Fan zu tun hast?

    Was mir neben der Sache mit der Kugelwelle an deinem Beitrag nicht so ganz gefällt ist die fehlende Bewertung der Schalldrücke. 90dB(A) bedeuten bis zu 120dB bei 50Hz und 130dB bei 40 Hz, das sind schon Hausnummern! ;)

    Gruß,
    Dominic

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  7. Hallo Dominic,

    ja nee, is klar...! (Atze Schröder)
    In meinem Beitrag ging es nur um die Darstellung eines groben Anhalts, welche Alltagssituationen in etwa welchem Schalldruckpegel entsprechen, um besser abschätzen zu können, wie laut 90 oder 96 dB ungefähr sind. Natürlich kann ich den Schalldruckpegel über die Frequenz bewerten, um der frequenzabhängigen Empfindlichkeit des menschlichen Gehörs Rechnung zu tragen und mir zudem aussuchen, welche Bewertungskurve (A, B, C oder D) ich denn heranziehen möchte. Aber ich wollte hier nicht zu wissenschaftlich werden, sondern nur umreißen, wie empfindlich Lautsprecher für die Verwendung bestimmter Trioden sein sollten.

    Gruß,
    Carsten

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