Freitag, 4. November 2011

Breitbänder vs. Mehrwegelautsprecher: Registerverblendung

Hin und wieder werde ich gefragt, warum ich (Fullrange-)Breitbändern den Vorzug gebe gegenüber Mehrwegesystemen - viele vermuten, sie passten einfach besser in den "historischen Kontext" im Verbund mit Single Ended Trioden und seien von diesen leichter anzutreiben. Aber das ist nicht der Grund - mir ist der gute Klang grundsätzlich wichtiger als purer Dogmatismus.

Vielmehr klingen Breitbänder für mich "aus einem Guss", einfach kohärent - aber was heißt das eigentlich? Bei allen Vorteilen, die Mehrwegesysteme ja grundsätzlich bieten (können), leiden sie unter dem Phänomen der "Registerverblendung", welches Heinz Gelking bereits in einem Artikel in hifi tunes - Das Lautsprecherbuch umrissen hat und dessen eingeführte Begrifflichkeit ich gerne übernehmen möchte. Dabei geht es um die Tatsache, dass sich jeder Ton aus einem Grundton (k1) und seinen Obertönen (k2, k3, k4,...) zusammensetzt. Bei Mehrwegelautsprechern werden bestimmte Töne - abhängig von der Übergangsfrequenz zwischen zwei Treibern - also nicht nur von einem Treiber wiedergegeben, sondern von zwei Treibern.

 
Wird also beispielsweise über ein Zweiwegesystem mit einer (hypothetischen) Trennfrequenz bei ca. 1 kHz der Kammerton A (440 Hz) wiedergegeben, so liefert der Tiefmitteltöner die Grundfrequenz (k1) und den ersten Oberton (k2, 880 Hz; 2. Harmonische). Der Mittelhochtöner dagegen spielt alle Obertöne ab dem zweiten (k3, 1.320 Hz; k4, 1.760 Hz; usw.). Das Ohr nimmt die aus unterschiedlichen Richtungen ankommenden Frequenzen, die in ihrer Gesamtheit die charakteristische Klangfarbe eines Tons ergeben, sehr wohl wahr. Darüber hinaus bedeutet eine Trennfrequenz bei 1 kHz ja nicht, dass der Tiefmitteltöner Töne über 1 kHz bzw. der Mittelhochtöner Töne unterhalb 1 kHz nicht mehr wiedergeben - sie tun das, je nach Flankensteilheit des Filters, nur entsprechend leiser, so dass in unserem Fallbeispiel selbst k3 noch vom Tiefmitteltöner bzw. k2 vom Mittelhochtöner wiedergegeben werden.

Unser archaisches, in Jahrtausende langer Evolution durch die Umwelt geprägtes Gehirn ist durch die unterschiedlichen Richtungen ein und desselben (Teil-)Tons irritiert und "investiert" sehr viel "Rechenleistung", um diesen Makel zu kompensieren. Das gelingt zwar auch, allerdings nur um den Preis angestrengteren bzw. anstrengenderen Hörens - es klingt halt nicht wie "aus einem Guss".

Fullrange-Breitbänder (und im Grunde auch Koaxe) sorgen dafür, dass man sich mit diesem psychoakustischen Phänomen nicht plagen muss. Sicherlich kein Grund, Mehrwegesysteme grundsätzlich zu verteufeln und auch nur einer von vielen Aspekten - aber Grund genug für mich, diesbezüglich einfach mal einen Denkanstoß geben zu wollen.
 
Follow-up

Kommentare:

  1. DEM kann ich nur zustimmen!! Habe seinerzeit auch viel Zeit und Arbeit in Optimierung meiner Mehrwegboxen gesteckt und bin jetzt, nach TQWT mit Fostex FE164 und BL-Horn mit FE126En so ziemlich da angekommen, wo ich immer hin wollte und mir kommt auch nix anderes mehr ins Haus außer Breitbändern :-) Gruß Dirk

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  2. Ja, auch ich kann dem geschriebenem zustimmen, auch ich bin Breitband und Horn Fan. Allerdings mit einer Einschränkung, die meisten Breitbänder gehen einfach nicht tiefer als 40 Hz (-3dB).
    Damit schließe ich einige Musikinstrumente von der vollen Wiedergabe ihres Klangvolumens aus. Aus dem Grund bevorzuge ich FAST-Systeme (Fullrange and Subwoofer Technologie.) Ein Bass unter 100 Hz ist vom Gehör nicht mehr ortbar, wenn er fehlt fällt es (mir) aber auf.
    Toller Blog - großes Kompliment !
    Liebe Grüsse
    John Canna

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