Dienstag, 30. August 2011

Die Triode RV-218

Bei einer Anodenverlustleistung von 24 Watt liefert die RV-218 ca. 2,5 Watt. Sie ist eine deutsche Behördenröhre und der Vorläufer der RV-258, sehr selten und geht im Moment zwischen 120 und 180 €/Stück über den Tisch. Die Daten zu dieser Röhre gibt es z.B. bei frihu.com.
   
   
AEG RV-218; Bildquelle: frihu.com
   
 
Telefunken RV-218 
  
Einen Verstärker mit dieser Röhre habe ich bislang außer im DIY-Bereich noch nirgends gesehen - so wie diesen von Grant Gassman (=> Friends Systems => Grant Gassman) aus Denver, Colorado:
    
 
DIY-Verstärker mit WE417A im Eingang, WE205B Treiber und Telefunken RV-218 als Leistungstriode - das Teil sieht echt urig aus!

Samstag, 27. August 2011

Kleine Helferlein von Ortofon: Wasser-Libelle und Tonarmwaage

Das mit der Plattenspieler-Justage und mir ist so eine Art Hass-Liebe: Untergrund "ins Wasser" bringen, Plattenspieler waagerecht aufstellen, Tonarmhöhe einstellen, Arm ausbalancieren, Tonabnehmer-Justage (zig verschiedene Schablonen - ganz furchtbar!), Azimut, VTA, Auflagekraft, Drehzahl prüfen, und, und, und,... Mal ganz ehrlich: Wer sich das alles freiwillig antut, der sollte über viel Geduld, Langmut und Leidensfähigkeit verfügen. Allein - was nützt es? Musik-Server, CD-Spieler & Co. sind zwar bequem und komfortabel, klanglich für mich aber keine adäquate Alternative zu Vinyl.
 
Heutzutage werden Plattenspieler glücklicherweise i.d.R. vom Werk aus mit einem vormontierten und (hoffentlich) genau justierten Pick-up ausgeliefert, so dass diese "Quasi-Plug-and-Play-Pakete" nur noch eines vergleichsweise geringen Justageaufwands bedürfen.
     
 
Wasser-Libelle und Tonarmwaage von Ortofon
     
Essentiell ist die waagerechte Aufstellung des Plattenspielers. Für die Kontrolle eignet sich die kleine Wasser-Libelle von Ortofon aus transparentem Acryl, welche zur Nivellierung des Plattenspielers auf dem Chassis positioniert wird, auf welchem der Tonarm montiert ist (nicht auf dem Plattenteller!). Diese gibt es in diversen Online-Shops bereits für ca. 8 €. Es gibt auch Wasser-Libellen anderer Hersteller für deutlich über 50 € - diese mögen aus Edelstahl, vergoldet und sonstwas sein, genauer messen sie aber auch nicht.
 
Die Messung auf dem Plattenteller kann gerade bei Funk Firm schnell zu einer völlig falschen Justage führen - der "taumelnde" Plattenteller stabilisiert sich in der Horizontalen durch sein Kreiselprinzip erst im Betrieb, außerdem soll ja die Tonarmachse lotrecht ausgerichtet werden.
     
   
Alles im Lot
    
Für die Kontrolle der Auflagekraft verwende ich eine ziemlich simple Waage von Ortofon (ca. 9 € im Online-Shop), die nicht mehr darstellt eine eine Kunststoffwippe mit Gegengewicht und logarithmischer Skalierung. Die Auflagekraft wird ja sowieso über die Skala am Tonarm voreingestellt - bei Rega-Armen z.B. stimmt diese nach meiner Erfahrung ziemlich genau.
  
 
Waage und Tonabnehmer bilden "eine Flucht"
   
Die empfohlene Auflagekraft des Herstellers umfasst meistens eine Spanne, deren mittlerer Wert die Ausgangsgröße für die Justage bildet. Die Waage dient lediglich der Kontrolle dieses Wertes, indem der Tonarm gesenkt und die Nadel in eine kleine Nut geführt wird. Danach wird der Plattenteller minimal so lange bewegt, bis die "Wippe" waagerecht ausgerichtet ist. Der dann abgelesene Wert entspricht der Auflagekraft, wobei die Skalierung in Fünfer-Schritten natürlich etwas grob ist. Klar, das ist nicht super-genau, aber auf +/- 1 mN genau lässt sich die Auflagekraft schon einstellen - völlig ausreichend. Schließlich wird die finale Auflagekraft sowieso nach Gehör eingestellt.
   
   
"Schätzeisen" von Ortofon
   
Diese simple Tonarmwaage ist also eher eine Art "Schätzeisen" - aber lassen wir die Kirche im Dorf: Wer, um Himmels Willen, braucht eine digitale High-End-Tonarmwaage für 300 € mit einer Einstellgenauigkeit von 0,2 mN, wenn die exakte Auflagekraft doch sowieso nach Gehör eingestellt wird?!
 
Diese beiden Helferlein von Ortofon kosten zusammen keine 20 € und reichen - zumindest für mich - für (fast) alle Plattenspieler-Lebenslagen.

Mittwoch, 24. August 2011

Sorbothane-Absorber für Röhrenendstufen: 3Point 4Tube von bFly-audio

Seit einiger Zeit schon benutze ich jetzt die Sorbothane-Absorber von bFly-audio zum Entkoppeln meiner Röhrenverstärker, insbesondere als Bestandteil meiner DIY-Gerätebasen. Die dämpfenden Eigenschaften der Sorbothane wirken sich bei den erschütterungs- und mikrophonieempfindlichen Röhren besonders positiv aus.
   
Nun möchte ich bei einem neuerlichen Bericht über Sorbothane-Absorber von bFly-audio weder den Leser langweilen noch in Verdacht geraten, für etwaige Gefälligkeiten gezwungenermaßen positiv zu berichten. Daher betone ich hier ganz klar, dass a) diese Absorber wirklich bemerkenswert sind und ich b) völlig unabhängig berichte und auch die Werbung auf meinem Blog kostenfrei einstelle - und zwar für diejenigen, die mir persönlich nahestehen und/oder einen besonderen Service bzw. besondere Produkte bieten.
   
Dies vorangestellt, möchte ich den heutigen Probanden vorstellen: den Sorbothane-Absorber 3Point 4Tube speziell für Röhrenverstärker.
   
  
3Point 4Tube Absorber für Röhrengeräte mit unterschiedlicher Gewichtsverteilung
  
Das Besondere an Röhrenverstärkern ist ja häufig, dass sie aufgrund des vielen verbauten "Eisens" (Übertrager, Trafo) nicht nur ordentlich schwer sind, sondern - wie bei mir - die Gewichtsverteilung nicht gleichmäßig, sondern der Geräteschwerpunkt exzentrisch ist. Bei mir ist der Schwerpunkt tendenziell "hinten links", was nach einiger Zeit mit meiner DIY-Gerätebasis entsprechend zu einer leichten Schlagseite wie bei einem Schiff in See führte. Daraufhin habe ich die Absorberanzahl in den Basenecken einfach verdoppelt - das war´s.
   
Dass es auch eleganter geht, zeigen die 3Point 4Tube Absorber: Auf einen runden Aluminiumkörper sind jeweils drei Sorbothane-Absorber geklebt (daher "3Point") - halbkugelförmige für die leichtere Geräteseite und flache, festere für die schwerere Geräteseite.
   
     
Professionelle Verpackung: Lieferung im Schaumstoff-Köfferchen
   
Meine DIY-Basis musste also den neuen Probanden weichen. Auf der Kontaktseite zum Gerät ist der zylindrische Alu-Korpus mit einem zweilagigen Kautschuk beschichtet und gewährleistet so auch den Schutz des Gerätes vor Kratzern - bietet sich doch das "Aufbocken" des Verstärkers mit dem Boden direkt auf die Absorber an statt die Gerätefüße auf die Absorber zu stellen. Ich will ja keinen Turm bauen.
   
     
"Aufgebockte" Röhrenendstufe
    
Röhren sind ja nun bisweilen recht spezielle, divenhafte Bauteile: Sie können brummen, sirren, rauschen, spratzeln, knacken, tickern, "singen", klingeln... manche mehr, manche weniger, manche auch fast gar nicht. Aber sie sind empfindlich und profitieren von optimalen Arbeitsbedingungen. In diesem Fall habe ich wirklich gestaunt: Nach dem "Aufbocken" waren bereits im Leerlauf mit aufgedrehtem Pegel deutlich weniger der vorgenannten Störgeräusche aus den Lautsprechern wahrzunehmen - zwar nicht gänzlich verschwunden, aber merklich reduziert.
   
   
Vorderer Absorber "bei der Arbeit"
     
Humorlose Zeitgenossen mögen argwöhnen, ich höre Flöhe husten, aber ich stehe dazu: Das gesamte Klangbild profitiert deutlich von diesen Absorbern, die immerhin mit bis zu 42 kg belastbar sind. Es existieren einfach weniger Stör-Artefakte, diese "Grasnarbe" ist nun quasi deutlich kürzer geschnitten und der Klang wird sauberer, transparenter und klarer.
   
Wer der Wirkungsweise dieser Entkoppler skeptisch gegenübersteht, kann sich diese zum Ausprobieren ja zuschicken lassen und im Zweifelsfall von seinem Rückgaberecht Gebrauch machen. Aber ich bin mir sicher, dass das die Ausnahme bleiben wird... Die Summe von knapp 100 € ist meines Erachtens eine lohnende Investition. Dieser Betrag entspricht womöglich gerade der Preisdifferenz zwischen Cinchkabel X oder Y, welches zur Neuanschaffung beim noch wankelmütigen Freund Kabel-Nerd ansteht...

Montag, 22. August 2011

Die Triode 833C - Senderöhre mit Graphitanode

Eine hochinteressante Röhre ist die 833C, eine Senderöhre mit Graphitanode. Die Anodenspannung beträgt 4.000 V (!), die max. Anodenverlustleistung 300 W. Für Audioanwendungen ist der Einsatz dieser im Vergleich zu Röhren wie 2A3 oder 300B riesigen Röhre schon ein richtiges "Brett".
     

Die 833C im Vergleich zur 6C33C; Bildquelle: Tube Amp Doctor
       
Es gibt wenige Anbieter, die diese Röhre auch tatsächlich verbauen, so z.B. Wavac in seinen Monoblöcken HE-833 v1.3. Für einen hohen fünfstelligen Dollarbetrag gibt es dann 150 W Class A...
     
 
 
  
   
Wavac HE-833 v1.3; Bildquelle vorige 4 Bilder: positive-feedback.com
   
Ein anderer beeindruckender Verstärker ist das gegenkopplungsfreie 200 Watt Push-Pull-Monster 833TNT von Audio Power Labs. Und der Preis? Ja, er hat einen...
 
 
 
833TNT; Bildquelle: Audio Power Labs
 
Am interessantesten finde ich persönlich jedoch den 833C von Silvercore. Heute habe ich mit dem Entwickler und Chef von Silvercore, Christof Kraus, telefoniert und spannende Details über seinen Verstärker 833C erfahren. So gibt es diesen sowohl als Fertiggerät als auch als Bausatz - und das zu einem derart moderaten Preis, dass ich wirklich überrascht war! Die konservative Auslegung kommt der Lebensdauer der Röhre zu Gute; der Verstärker hat übrigens seinen -3dB Punkt bei 12 Hz!
 
 
 
Silvercore 833C; Bildquelle: Silvercore
 
Die 833C-Monos von Silvercore leisten im Vergleich moderate 20 W, die natürlich für mich, der stets im niedrigen einstelligen Wattbereich "unterwegs" ist, immer noch inflationär anmuten und mehr als nötig für alle Lebenslagen sind. Auf der Seite von Claus Knipschild gibt es eine schöne Fotostrecke samt Beschreibung zum Aufbau eines DIY-Silvercore 833C. Einen Testbericht gab es übrigens in der Klang + Ton 2/2009.

Samstag, 20. August 2011

Unverhofft kommt oft...

Als ich heute zum Briefkasten ging, erwartete ich lediglich Werbung oder Rechnungen - aber ich fand ein kleines Päckchen eines Bekannten vor. Völlig überrascht öffnete ich die Schachtel und es kamen drei Röhren zum Vorschein: eine Siemens E88CC, eine Valvo E88CC aus Postbeständen mit Prüfzeichen "Gablenz" und eine rote Valvo E188CC - alle mit goldenen Pins.
 
   
Hübsches Trio: 2x E88CC und 1x E188CC

Als ich kürzlich über die Röhren meiner Audio Note M1 Phono berichtete, tauschten wir uns anschließend über mögliche Substitutionen für die von mir für gut befundene und im Gerät belassene, von Audio Note mitgelieferte JAN Philips ECG 6DJ8 im Anodenfolger der Phonosektion aus. Der Bekannte sagte mir, er werde darüber nochmal "nachdenken". Das war also das Ergebnis - und auch noch geschenkt!
 
 
E88CC von Valvo aus Beständen der Bundespost (BP) mit Prüfzeichen "Gablenz" 
 
Die 6DJ8 (1958 entwickelt von Amperex) entspricht der ECC88 (europäische Variante) bzw. der E88CC oder der E188CC und der 6922 (Osteuropa) - gleichwohl gibt es zwischen ihnen marginale Unterschiede. Ich kam trotz des schönen Wetters und dem geplanten Ausflug nicht umhin, die Röhren nacheinander kurz einzustöpseln.
    
   
Favorit: Valvo E188CC
 
Die rote Valvo E188CC gefiel mir beim ersten, kurzen Eindruck am besten, sie hat einen wundervollen, farbigen "Punch" im Grundtonbereich und löst im "Oberstübchen" sehr detailliert auf, bleibt dabei aber seidig-fein. Das ist ein deutlicher Zugewinn gegenüber der JAN Philips ECG 6DJ8. Die Valvo E88CC spielt fast auf dem gleichen Niveau und ist ebenfalls nachvollziehbar besser als die JAN Philips; die Siemens E88CC spielt auf ähnlichem Niveau wie die JAN Philips - hier konnte ich kaum Unterschiede feststellen.
 
Diese Eindrücke werde ich in Ruhe noch einmal verifizieren müssen, aber die "rote Valvo" bleibt jetzt erstmal im Sockel. Vielen Dank noch einmal an dieser Stelle an meinen Bekannten, der aus nachvollziehbaren Gründen namentlich nicht genannt werden möchte.
     
Crosslinks:

Donnerstag, 18. August 2011

Alternative Rock: J. Mascis - Several Shades of Why

So ein paar Manschetten habe ich ja doch: Soll ich wirklich Platten vorstellen, die ich höre? Wen um Himmels Willen interessiert, was ich für Musik höre? Und warum? Dennoch bekomme ich immer wieder diesbezüglich Anfragen... Ok, unter dem Strich geht es bei all den technischen Vehikeln wie Boxen, Plattenspielern, Röhrenverstärkern etc. letztlich nur um die Musik selbst und ich werde dem Wunsch mal entsprechen - wird´s ein Schuss in den Ofen, wird das Projekt "Plattenbesprechung" halt wieder eingestampft.
 
Bereits Mitte März dieses Jahres ist die Platte Several Shades of Why von J. Mascis erschienen - sein erstes im Studio eingespieltes Akustik-Solo-Album überhaupt, um das es in diesem Post geht. Eigentlich ist J. Mascis ja der Kopf von Dinosaur Jr., einer meiner Lieblingsbands aus den 80ern, deren 1988er Album Bug (SST) als eine DER Independent-/Alternative-Rock-Scheiben überhaupt gilt und zu Recht mit in die 1001 Albums You Must Hear Before You Die aufgenommen wurde.
 
 
J. Mascis - Several Shades of Why (Sub Pop Records, 2011)
 
Im Vergleich zu früheren "Krachern" wie Freakscene (Bug) klingt J. Mascis heutzutage bzw. auf dieser Platte sehr viel ruhiger - aber gerade die verschachtelten Melodienläufe und Riffs mit den verschiedenen (Semi-)Akustik- und E-Gitarren gefallen mir unheimlich gut. J. Mascis verfügt (immer noch) über diese fragile, brüchig-rauchige, manchmal nölige Stimme, die man mag oder eben nicht - sie versprüht einen kruden Charme, wenn J. mal einen Ton nicht genau trifft oder die richtige Tonhöhe nicht ganz schafft... Andererseits gewinnt seine Musik genau dadurch dieses gewisse "Etwas" an Authentizität, das vielen perfekt eingespielten, aber glattgebügelten Produktionen abgeht.
   
 
Chic: lila Vinyl
 
In meiner persönlichen Hall of Fame aller Musiker nimmt J. Mascis sowieso einen Platz ganz weit oben ein, nicht zuletzt nach seiner bzw. Dinosaur Jr.´s Interpretation vom The Cure Klassiker Just like heaven.
  
   
Zurück zu Several Shades of Why. Ein Album zum entspannten, relaxten Hören - alle, die sich für Gitarrenmusik begeistern können und J. Mascis nicht kennen, sollten es sich mal anhören. Sicher, diese Platte wird bei den MTV Music Awards keinen Blumentopf gewinnen - dafür ist J. Mascis einfach zu weit weg vom Mainstream (gut so!).
 
Interessiert darüber hinaus wirklich noch jemanden, wie diese Platte klingt? Ok, das Ding ist nämlich nicht unbedingt "audiophil"; komischerweise waren mir die sogenannten "audiophilen" Platten noch nie so ganz geheuer... Several Shades of Why habe ich in letzter Zeit mit meinen Seas-Lautsprechern rauf und runter gehört, einfach weil gerade diese Art von Musik mit Breitbändern so viel Spaß macht.

Dienstag, 16. August 2011

Nachschlag: Open Baffle Alternativgehäuse für Seas FA22RCZ

Nachdem ich zuletzt ausführlich über eine "Behausung" für den Breitbänder Seas FA22RCZ berichtet habe, hier ein sehr pragmatischer Open Baffle Lösungsansatz von Marcus aus London für diesen Treiber. Dem Vernehmen nach allerdings nicht so sehr zur Freude seiner Partnerin, ist die Küchenzeile nun immerhin um zwei Schubladen ärmer. Einen passenden Verstärker hatte ich in einer Art Vorahnung ja bereits früher hier im Blog vorgestellt...
 
   
    
Wer also ausrangierte Kommodenschubladen (oder andere Behausungen) rumliegen hat - nur zu... Bilder sind herzlich willkommen und können hier im Blog gezeigt werden!

Sonntag, 14. August 2011

Audio Note M1 Phono: Die Röhren

Kürzlich habe ich hier bereits in etwas allgemeinerer Form über meinen Audio Note M1 Phono berichtet, jetzt soll es um die Röhren bzw. den Röhrentausch gehen. Der M1 verfügt im Phonozweig über einen Anodenfolger mit der obligatorischen ECC83 und einer 6DJ8 (bzw. ECC88 oder 6922). Dabei fungieren die beiden Triodensysteme innerhalb einer Röhre jeweils für den linken und den rechten Kanal. Es ist also wichtig, unbedingt Röhren mit Symmetrie-Matching zu verwenden, d.h., beide Systeme sollten elektrisch identisch sein (gleiche Emissionswerte, gleiche Steilheit), um die gleichen Bedingungen im linken und rechten Kanal zu generieren. Gute Röhrenlieferanten messen die Emissionswerte und bieten ein Symmetrie-Matching für einen geringen Aufpreis an (=> "Tube-Dealer" in der linken Sidebar dieses Blogs).
    
    
 
Saubere Sache: Trennung des Netzteils von den restlichen Baugruppen durch ein Blech
   
      
 
Phono-Board des M1 mit ECC83 und 6DJ8 als Anodenfolger - hier noch "verkappt"...
 
 
  
...und hier "befreit" - Auslieferzustand mit JAN Philips 6DJ8 und Ei ECC83
 
 
Das Phono-Board sieht zwar nach einer bestückten Platine aus, dennoch handelt es sich - wie im gesamten Verstärker - um Freiverdrahtung (ich glaube, seit 2010 hat AN die M1 freiverdrahtet, früher wurden Platinen eingesetzt). Die Platine hat keine Leiterbahnen, sondern dient nur als Bauteilträger; unterhalb der Platine verlaufen die Käbelchen. Das "aufgestelzte" Phonoboard ist über kleine Gummidämpfer entkoppelt, außerdem werden die Röhren mit kleinen gefederten Alukappen vor Mikrophonieeinflüssen geschützt. Sehr schön, wirken sich doch insbesondere in der empfindlichen Phonosektion Störungen besonders gravierend aus.
 

  
 
Ersetzt: ECC83 von Telefunken statt von Ei (hintere Röhre)
 
   
Bei den Röhren selbst wird gleich deutlich, dass der Vorverstärker ein knallhart kalkuliertes Gerät ist: Zwar ist die 6DJ8 von JAN Philips eine anständige NOS-Type und darf daher bleiben; sie ist auch immer noch sehr gut für unter 30 € beschaffbar. Aber die ECC83 von Ei (Kostenpunkt unter 20 € beim Röhren-Dealer) fliegt raus und wird durch eine Telefunken ersetzt. Leider ist die ECC83 eine derart verbreitete Röhre und wird in so vielen Geräten verwendet, dass die NOS-Ressourcen langsam knapp werden. Daher sind die Preise in den letzten Jahren extrem gestiegen. Für eine Telefunken ECC83 in Top-Qualität zahlt man inzwischen Preise zwischen 60 und 90 € pro Röhre; rational begründbar ist das beispielsweise im Vergleich zur Telefunken ECC82, die es für unter 30 € gibt, kaum. Fairerweise bleibt zu ergänzen, dass es sich bei der ECC82 um einen "NOS-Jungspund" mit Produktionsdatum 1986 handelt (AEG-Telefunken Werk Ulm).
 
 
  
Ausgangs- bzw. Linestufe mit einer Ei ECC82
 
 
 
Jetzt mit Telefunken NOS anstatt der Ei
 
 
Die Ausgangsstufe verfügt nur über eine Röhre; im Auslieferzustand ist es eine Ei ECC82. Diese ist leider nicht wie die beiden Röhren in der Phonosektion mit einer Schutzhülse versehen - das ist unverständlich, würde es doch kaum mehr kosten und wäre nur stringent. Die Telefunken ECC82 kostet beim professionellen Händler gegenüber der Ei ECC82 übrigens keine 10 € mehr - hier wird deutlich, mit welch spitzem Stift kalkuliert wurde. Symmetrierte Systeme sind selbstverständlich auch für die ECC82 der Ausgangsstufe Pflicht.
 
   
   
Das Trio bei der Arbeit
 
 
Unter dem Strich bedeutet der Austausch der ECC82 und ECC83 von Ei gegen NOS-Typen von Telefunken eine Investion von ca. 100 €. Diese macht sich klanglich unbedingt bezahlt! Das Klangbild wird insgesamt kräftiger, erdiger, einfach substanzieller insbesondere im Grundton. Stimmen werden feiner aufgelöst und wirken nicht mehr wie mit den Ei-Röhren tendenziell grobkörnig. Auch feine Becken-Anschläge kommen jetzt feiner aufgelöst und silbriger daher, Details werden einfach deutlicher herausgearbeitet und nuancierter gestuft. Wer also die Anschaffung eines Audio Note M1 Phono ins Auge fast, der sollte gleich ca. 5% zusätzliches Budget für anständige NOS-Röhren einplanen. Der M1 hat die Qualitäten, die Unterschiede deutlich hörbar werden zu lassen und belohnt den Hörer überproportional für diese Investition. Ok, im Zweifelsfall ist nach dem Röhrentausch die Garantie futsch, darauf sollte man sich einstellen.
     
   

Für dieses Quartett kann man sich locker einen Audio Note M1 Phono kaufen...
 
 
Und wer zufällig irgendwo noch eine Telefunken ECC803S rumfliegen hat, darf die natürlich auch gerne in die Phonosektion stöpseln, auch wenn deren Kurswert im Verhältnis zum Preis für den M1 Phono etwas abenteuerlich anmutet...
 
Weitaus günstiger zu haben, aber allemal einen Versuch wert: die 5751 von GE als Ersatz für die Telefunken ECC83 in der Phonostufe. Sie hat zwar nur ca. 70% Gain der ECC83, funktioniert aber prima; der Klang ist nicht ganz so griffig druckvoll, dafür aber etwas feiner und farbiger. Geschmackssache!
 
 

 
GE 5751 als Ersatz für die ECC83
  
Crosslinks:

Freitag, 12. August 2011

Hochwirkungsgradlautsprecher: Offenes Gehäuse mit Seas FA22RCZ - Simulation

Das Gehäuse per Simulation zu erfassen ist gar nicht so trivial. Jörn Carstens, bei dem ich mich an dieser Stelle ganz herzlich bedanke, hat das Gehäuse in AJHorn abgebildet und verschiedene Effekte für mich simuliert.
  
Kalibrierung des Modells
Das Gehäuse ist im Prinzip eine dreieckige "Röhre" konstanten Querschnitts. Mit steifen Wänden als Vorannahme für die Simulation funktioniert es wie eine Transmissionline. Die Kalibrierung der Simulation mit dem gemessenen SPL des Lautsprechers (Ausgangsmaße: 105 cm Höhe, 695 qcm Querschnittsfläche) gelang durch Einbeziehung der 12 cm langen Beine.
  
   
Oben: Die schwarze Kurve zeigt den SPL ohne Beine, die rote Kurve den SPL unter Einbeziehung der Beine quasi als verlängertes Gehäuse - dieser Verlauf entspricht ziemlich genau der tatsächlichen Messung des Frequenzverlaufs. Ergänzend dazu im Vergleich die Simulation des geschlossenen Gehäuses als grüne Kurve - sie zeigt einen ausgewogeneren Verlauf bei deutlich niedrigerem Pegel. In der Praxis wirken sich die "Unruhen" des offenen Gehäuses jedoch weit weniger kritisch aus, da die in der Simulation "steif" angenommenen Wände in der Praxis "weich(er)" sind und die TML-Resonanzen weitgehend ausbügeln. Unten sind die entsprechenden Impedanzverläufe dargestellt. Damit ist die Kalibrierung abgeschlossen - das Modell bildet die "Realität" sehr gut ab.
 
Verlängerung (Erhöhung) des Gehäuses
Um jetzt noch ein paar Hz mehr Tiefgang herauszukitzeln wollte ich wissen, wie sich eine Erhöhung des Gehäuses (konstanter Querschnitt, also Volumenvergrößerung) auswirkt. Dabei war interessant, wieviel "Hz pro cm Höhe" machbar wären...
    
    
Die rote Kurve zeigt den SPL bei 117 cm (=Ausgangsbasis), die grüne den SPL bei 127 cm und die pinke bei 137 cm Gehäusehöhe inkl. Beinen. Pro 10 cm Erhöhung wandert der Peak bei 80 Hz jeweils um ca. 5 Hz nach unten - auf Kosten eines jeweils um ca. 1 dB geringeren Wirkungsgrades. Nicht die Welt, aber immerhin!
   
Reduzierung der Querschnittsfläche
Wer A sagt, muss auch B sagen: Das Gehäusevolumen ist wegen der negativen Auswirkungen auf das Impulsverhalten schließlich nicht beliebig vergrößerbar, Seas empfiehlt z.B. 70 l für ein geschlossenes Gehäuse; diese Größenordnung soll auch hier als Orientierung dienen. Also sollte im nächsten Schritt simuliert werden, wie sehr sich eine Querschnittsreduzierung der Gehäusegrundfläche auswirkt.
     
   
Die rote Kurve zeigt den SPL bei 692 qcm Querschnittsfläche (=Ausgangsbasis), die grüne den SPL bei 590 qcm und die pinke bei 490 qcm. Pro 100 qcm Reduzierung der Fläche wandert der Peak bei 80 Hz also jeweils um ca. 5 Hz nach oben - unter Zunahme des Wirkungsgrades jeweils um ca. 1 dB. Hier stellt sich also der umgekehrte Effekt ein wie bei der Gehäuseerhöhung.
     
Zusammenfassung und Ausblick
Der "Testlautsprecher" in seiner jetzigen Form spielt bereits auf sehr hohem Niveau und lässt kaum Wünsche offen. Allerdings steht nun ein neuer Gehäuseentwurf an, in dem die in diesem sowie in den beiden Posts zum Bau und zum Klang des Testgehäuses genannten Punkte umgesetzt bzw. bewährte Änderungen beibehalten werden. Zur Optimierung der Gehäusegeometrie ist für mich der optimale Baffle Step "gesetzt" (vgl. letztes Post). Daraus ergibt sich die neue Querschnittsfläche unter Beibehaltung der gleichseitigen Grundform. Danach wird die Höhe "ausgereizt". Auch beim Gehäusematerial, der Verarbeitung, der Bedämpfung etc. habe ich noch einige Ideen, die ich demnächst ausprobieren werde. Sobald die neuen Lautsprecher fertig sind, werde ich darüber berichten.
  
Stay tuned!
  
Crosslinks:
Hochwirkungsgradlautsprecher: Offenes Gehäuse mit Seas FA22RCZ - der Klang
Hochwirkungsgradlautsprecher: Offenes Gehäuse mit Seas FA22RCZ - Messungen
 
P.S.:
Eine Anmerkung habe ich noch in eigener Sache zum im letzten Post angekündigten C37 Lack von Dieter Ennemoser. Ich werde diesen Lack zunächst nicht auf den Seas Chassis ausprobieren, was allein praktische Gründe hat: Durch die relativ lange notwendige Aushärtezeit und das erforderliche Aufbringen mehrerer Schichten wäre der Testlautsprecher für mich eine Weile nicht nutzbar. Außerdem besteht die potenzielle Gefahr, dass beim manuellen Aufbringens des Lacks nicht beide Chassis exakt die gleiche Schichtdicke erhalten.
 
Ich habe mit Herrn Ennemoser telefoniert und ihn als einen sehr freundlichen und auskunftsfreudigen Menschen kennen gelernt, der mir aufgrund seiner profunden Erfahrungen als Geigenbauer wertvolle Tipps für den Gehäusebau gegeben hat (Holzsorten, Stärken, Textur, Verabeitung...). Dafür möchte ich mich ausdrücklich bei ihm bedanken.
 
Ich bin bei meinen Recherchen zu C37 im Netz über viele unsachliche, bornierte und despektierliche Äußerungen gegenüber Herrn Ennemoser gestolpert und verurteile dies. Ich finde, Herr Ennemoser legt - anders, als so mancher Scharlatan, der in Sachen "High End"  mit Schälchen oder mit Mondlicht beschienenen Kabeln zu Preisen bar jeder Realität unterwegs ist - sehr plausibel das seinem Lack zu Grunde liegende Prinzip dar.

Man kann einem solchen Produkt selbstverständlich kritisch gegenüberstehen, jedoch gebietet es die Toleranz, es bei sachlicher Kritik zu belassen. Für mich sind Querdenker wie Herr Ennemoser mit ihren Ideen das Salz in der Suppe (nicht nur) unseres Hobbys. Für alle, die interessiert und tolerant genug sind, hier der Link zu einem Interview von Friedrich Hunold mit Dieter Ennemoser.

Donnerstag, 11. August 2011

Hochwirkungsgradlautsprecher: Offenes Gehäuse mit Seas FA22RCZ - der Klang

Im letzten Post hatte ich vom Bau meines Testlautsprechers berichtet, jetzt geht es um einige "Nacharbeiten" und den Klang. Alle weiteren Beschreibungen zum Klang beziehen sich auf folgende Abhörkette: Plattenspieler: Funk Firm Vector 3 mit F.XR II Arm, Ortofon OM 40 Super Pick-up und Funk Firm Phonokabel, Vorverstärker: Audio Note M1 Phono, Endstufe: Sun Audio Uchida SV-2A3, Cinch-Kabel: bFly-audio FC1, LS-Kabel: wie angegeben.
   
  
Testgehäuse mit Seas FA22RCZ 
 
Zunächst liefen die Lautsprecher ohne separate Innenverkabelung mit einer direkt ans Chassis angeschlossenen 1,5qmm Standard-Kupferstrippe. Trotz der für einen Breitbänder relativ weichen Aufhängung des Treibers läuft der LS hervorragend an meiner Single Ended Triode mit ihrem "Micky-Maus-Dämpfungsfaktor". Der Seas-Treiber verlangt also nicht so sehr nach strenger Kontrolle.
 
Ok, diese LS sind keine Bassmonster, die zu fundamentalen seismischen Eruptionen fähig wären - da lässt sich die Physik eben nicht austricksen. Allerdings kommt bei mir nie der Wunsch nach Unterstützung durch einen Subwoofer auf, der die kohärente Wiedergabe des Breitbänders ja nur konterkarieren würde. Der Tiefton kommt knackig, trocken und schnell; ab gehobener Zimmerlautstärke sogar regelrecht sonor. Insgesamt macht sich das Gehäusekonzept außerordentlich positiv bemerkbar: Das gesamte Frequenzspektrum klingt sehr offen und frei von Kompressionseffekten - man spürt den Breitbänder förmlich "frei atmen". Gleichwohl mischen sich - wenn auch sehr gering ausgeprägt - einige Mitteltonanteile mit in den durch den offenen Boden feuernden Schall. Dadurch entstehen minimale Verfärbungen, die eine kleine Bedämpfungsmaßnahme sinnvoll erscheinen lassen.
     
Bedämpfung
Direkt gegenüber der Chassis-Rückseite habe ich mit Klettband an den Gehäusewänden kleine Elemente Bondum 800 befestigt, die Schallanteile oberhalb von 800 Hz dämpfen sollen. Dank des Klettbands könnten diese im Bedarfsfall einfach wieder entfernt werden. Nach dieser Maßnahme waren die vorgenannten Verfärbungen wie weggeblasen, ohne dass dies mit etwaigen Nachteilen erkauft worden wäre - chapeau! (Ggf. werde ich noch ausprobieren, wie sich zusätzliche Bedämpfung im Deckel auswirkt.)
 
  
Noch ohne Bondum 800...
 
   
...und hier bereits mit.
        
Innenkabel
Als nächstes habe ich mir die Innenverkabelung zur Brust genommen. Zum Testen diverser Innenkabel sollten diese leicht austauschbar sein, weshalb ich sie jeweils beidseitig mit angelöteten Steckern versehen habe. Das ermöglicht ein schnelles Aufstecken und Abziehen von den Lötfähnchen am Chassis und am LS-Terminal. Wenn dann das "finale" Kabel festgelegt ist, soll dieses natürlich direkt verlötet werden - Stecker sind klanglich aufgrund zusätzlicher Übergangswiderstände nicht akzeptabel.

Als Favoriten unter etlichen Probanden traten u.a. das Oehlbach Crystal Silver Star (50 einzelne, versilberte Kupferinnenleiter à 0,254 mm mit in Summe 2,5 qmm Querschnitt) und als Klassiker das Solid-Core Kabel LSC von Reson DNM an. Dabei ist meine grundsätzliche Philosophie, aus Gründen "elektrischer Kohärenz" als "externes" LS-Kabel den gleichen Leiter wie bei der Innenverkabelung zu verwenden.
   
  
Vor der Konfektionierung...
 
    
...und eingebaut
     
Klanglich hat sich schließlich das Reson-Kabel durchgesetzt. Zwar versprach das Oehlbach-Kabel aufgrund der vielen Einzelleiter und der damit verbundenen Minimierung des Skin-Effekts Vorteile, aber diese kamen in der Praxis nicht zum Tragen. Bei Wirkungsgraden >92 dB/W/m wird in geschätzten 95% aller Hörsituationen weniger als 1 Watt Leistung übertragen. Der Leiterquerschnitt von 2,5 qmm ist hier also viel zu groß - schließlich sollen sich die "acht bis elf" bewegten Elektronen nicht im Kabel verlaufen, sondern wissen, wohin sie sich bewegen müssen... Das dünne Solid-Core Kabel von Reson bestach mit einem Klang frei von Artefakten, schlackenlos und unprätentiös.
 
Das Gehäuse
Einige Worte möchte ich noch über das Gehäuseprinzip verlieren. Seas nennt in seinen TSP (Thiele Small Parameter) ein Qts von 0,35. Damit wäre der Treiber - nach dem Lehrbuch - prädestiniert für den Einsatz im Bassreflex-Gehäuse oder auch im geschlossenen Gehäuse. Aber mit dem Lehrbuch kommt man oft nicht mehr weiter, wenn man ausgetretene Pfade verlassen möchte... Tunnelresonanzen, Strömungsgeräusche oder Schwankungen bei den Gruppenlaufzeiten sind z.B. potenzielle Nachteile von Bassreflex-Lautsprechern. Aber auch den Treiber in ein geschlossenes Gehäuse zu setzen behagt mir nicht - so eingesperrt, fungiert das eingeschlossene Volumen als Federkissen, welches die Resonanzfrequenz hochsetzt und den Treiber zudem "gepresst" klingen lassen kann.
 
Das hier verwendete Gehäuse ist streng genommen auch kein Resonanzgehäuse, dafür sind die Wandstärken zu groß. Bei Reso-Gehäusen wie z.B. den typischen Rondo-Klonen haben die Seitenwände Wandstärken von ca. 3 mm und schwingen viel stärker mit - das vorliegende Gehäuse-Prinzip möchte ich daher eher Transformations-Gehäuse nennen.
   
Das Geheimnis des harmonischen Klangcharakters dieses LS liegt darin begründet, dass die Wände nicht definiert bei bestimmeten Frequenzen resonieren, sondern die aufgenommene Schallenergie auf andere Frequenzbereiche transformieren. Eine klangliche Abstimmung gelingt dabei über die Veränderung der Parameter Holzsorte, Verarbeitungsart (massiv/stabverleimt/Multiplex...), Ausrichtung der Holzfasern/Textur, Wandstärke, Dimensionen (Höhe/Breite) und Gehäusegeometrie. Dabei kann es von Vorteil sein, die Wandstärken "asymmetrisch" vorzusehen, also auf allen Seiten unterschiedlich stark (ggf. sogar unterschiedliche Holzsorten).
 
Was mich noch ein wenig stört, sind die Eckpinnen. Sie sorgen einerseits für eine unnötige Verbreiterung der Schallwand - nach der Simulation und der Berechnung des Baffle Steps sollte die Schallwand nicht breiter als 37 cm werden. Außerdem zeigt die untere Skizze, dass am Übergang von Schallwand zu Pinne Reflexionen zu erwarten sind. Darüber hinaus ergibt sich zwischen Pinne und den Gehäusekanten ein minimales "eingeschlossenes" Volumen, das zwar weitgehend mit Leim gefüllt ist - aber das ist eine unsaubere Lösung. Schließlich stören die aneinander stoßenden Kanten (kleiner roter Kreis) - hier können durch Bewegung der Schallwände Mikro-Resonanzen entstehen.
 
 
Im Querschnitt die schematische Darstellung der Eckpinne
 
Klang
Ergänzend zu den bereits genannten beschriebenen Eindrücken lässt sich festhalten, dass der Klang sehr offen, unmittelbar und losgelöst von den Chassis im Raum schwebt und damit an Open Baffle Konzepte erinnert. Der Bass ist zwar schlank, aber dennoch schön farbig und fein federnd - also alles andere als "knöchrig"! Die richtige Dosis Hochtonenergie lässt sich sehr gut über die Einwinklung auf den Hörplatz einstellen, wobei der Sweet Spot sogar recht großzügig ausfällt. Die Lautsprecher können recht wandnah aufgestellt werden (ca. 20 - 40 cm zur Rückwand) und machen sogar in Ecknähe bei 10° - 15° Ausrichtung vorbei am Hörplatz die beste Figur, wobei die Basisbreite (nur minimal) kleiner als der Hörabstand sein sollte. Die wahre Wonne sind bei richtiger Aufstellung kleine Besetzungen, akustische Instrumente und überhaupt Stimmen - bei Bedarf lässt es der LS aber auch richtig krachen; er "kann" eigentlich jede Musikrichtung. Vivaldis Vier Jahreszeiten z.B. (Yehudi Menuhin, Camerata Lysy, EMI, 1981) sind die wahre Pracht, so musikalisch spielen diese LS. Erst bei AC/DC und Co. deutlich oberhalb gehobener Zimmerlautstärke verlieren die Breitbänder ein klein wenig den Durchblick - absolut verzeihlich, denn wer Partybeschallung sucht, schaue sich woanders um. Nach ca. 100 h Einspielzeit habe ich schließlich keine weiteren klanglichen Veränderungen mehr wahrgenommen.
 
Und jetzt wird´s, ähm, kompliziert: Ich werde nicht behaupten, dass dieser Lautsprecher bzw. Treiber bei ca. 21°C und einer relativen Luftfeuchtigkeit von 60% am besten klingt, obwohl es sich genauso verhält... Wer mich ob dieser Aussage einweisen lassen und die Jungs mit den weißen Kitteln rufen möchte - bitteschön. Hintergund ist, dass Temperatur und Luftfeuchtigkeit die Schallgeschwindigkeit beeinflussen bzw. verändern und damit z.B. auch die Abstimmung des Baffle Steps, der Hohlraumresonanz, etc. Außerdem nehmen Papp-Chassis die Feuchtigkeit in der Luft auf (im Gegensatz beispielsweise zu Polypropylen- oder Aluminium-Chassis) - bei zu hoher Luftfeuchtigkeit klingen solche Chassis dann tatsächlich "pappig", da die Stabilität des Pappkonus´ abnimmt bzw. dieser weicher wird.
Zensiert!
 
Demnächst folgen noch einige Infos zur Simulation dieses Lautsprechers sowie Erfahrungen zu weiteren Änderungen (es ist schließlich ein Test-Lautsprecher..). Ok, und wer sich bereits an den spaßeshalber "zensierten" - aber durchaus ernst gemeinten - Zeilen in diesem Post reibt, dem wird sicherlich auch mein Erfahrungsbericht zum kontrovers diskutierten Lack C37 (dem originalen von Dieter Ennemoser) gefallen...
 

Stay tuned!
    

Sonntag, 7. August 2011

Hochwirkungsgradlautsprecher: Offenes Gehäuse mit Seas FA22RCZ - der Bau

Das folgende Testgehäuse ist inspiriert durch einen Bauvorschlag aus K+T, allerdings habe ich etliche Veränderungen vorgenommen, die mir sinnvoll erschienen. Aber ich will nicht vorgreifen, zunächst einmal möchte ich kurz beschreiben, um was für einen Lautsprecher es sich grundsätzlich handelt und warum er so interessant ist.
 
Bereits an anderer Stelle hier im Blog habe ich hin und wieder Hochwirkungsgradlautsprecher vorgestellt - bis auf wenige rühmliche Ausnahmen ist die Auswahl am Markt jedoch sehr übersichtlich, was wirklich geeignete Lautsprecher für Single Ended Trioden betrifft.

Dieser Lautsprecher hat einen recht hohen Wirkungsgrad von ca. 93-94 dB/W/m - als Vollbereichs-Breitbänder wird der Seas FA22RCZ eingesetzt. Der Treiber wird ohne jeden Filter direkt ans Lautsprecherkabel geklemmt und mit der Endstufe verbunden - Breitbänder pur! Die hohe Linearität des Treibers macht´s möglich.

Das Gehäuse mit dreieckiger Grundform (gleichseitig) hat keinen Boden, sondern ist unten offen und völlig unbedämpft. Wer es gedanklich in eine Schublade stecken möchte, bekommt Probleme: Es ist kein Open Baffle (Gehäuse anstatt hinten offener Schallwand mit Dipol-Charakter) und auch kein klassisches Resonanz-Gehäuse (zu hohe Wandstärken), sondern einfach ein "unten offenes Gehäuse". Messtechnisch gesehen erinnert der Impedanzverlauf eher an eine fehlabgestimmte Bassreflexbox (aufgrund der viel zu großen "Reflexöffnung") und der Frequenzgang erinnert (bis auf kleinere Ausnahmen) tendenziell eher an ein geschlossenes Gehäuse... Die Nennimpedanz liegt bei 8 W und steigt im Hochton lediglich bis auf ca. 12 W bei 20 kHz an. Perfekte Voraussetzungen für den Betrieb mit Trioden also!
    
 
Auf dem ersten Bild sind bereits vier wesentliche Veränderungen zu sehen (na ja, zumindest zwei davon sind offensichtlich): Das Chassis wird zur Vermeidung von Kantenreflexionen/Interferenzen versenkt. Außerdem setze ich (statt normalerweise von mir stets favorisiertem Birkenmultiplex) stabverleimte Fichte von 16 mm Stärke ein, weil dieses Holz deutlich leichter als Multiplex ist und damit noch weniger Energie speichert bzw. "besser mitarbeitet". Gemeinhin wird Fichte als ungeeignet für den Lautsprecherbau angesehen - aber in diesem Fall schien es mir auf einen Versuch anzukommen.
 
Weiterhin habe ich die Gehäusebreite reduziert, da sich bei mir häufig gezeigt hat, dass ein Faktor von 2,2 mal effektivem Membrandurchmesser die ideale Gehäusebreite bzw. der ideale Baffle Step sind.
 
Im K+T Bauvorschlag zeigt sich ein schmalbandiger Einbruch im Frequenzgang bei 1 kHz - das sind dem Baffle Step zuzurechnende Interferenzen. Zur Orientierung: Gehäusebreiten von 40 cm erzeugen (gegenüber einer unendlichen Schallwand) eine Pegelanhebung von ca. 3dB im Bereich zwischen 300 und 1000 Hz, unterhalb 300 Hz ist der Pegel sogar minimal niedriger. Außerdem treten im Bereich zwischen 1,2 und 1,7 kHz Interferenzen auf. Die ausgeprägte Interferenz bei 1 kHz ergibt sich aus dem Umstand, dass die beiden Eckpinnen mit je 35 mm Durchmesser zur Gehäusebreite hinzugerechnet werden müssen; das Interferenzfenster verschiebt sich dadurch zu niedrigeren Frequenzen hin.
 
Schließlich habe ich die Gehäusehöhe bei annähernd konstantem Volumen (~67 l) vergrößert, um die untere Grenzfrequenz weiter "nach unten zu drücken".
 

 
Diese "Montageecken" sind eher ein notwendiges Übel zur einfacheren Montage; beim Schallaustritt aus dem Boden führen sie zu Kantenreflexionen. Außerdem kann nicht die gesamte Schallwandbreite an der unteren Kante frei schwingen.
    
 
Nach dem Verleimen des Deckels; an der Chassisöffnung die Einschlagmuttern.
 
 
Nach dem Verleimen der zweiten Seite.
   
 
...und fertig! Nur noch die Eckpinnen fehlen - aber die kommen erst nach dem...
 

...Finish: Osmo Dekorwachs Farbe "Fjord" in Wischtechnik (mit einen fusselfreien Tuch) sorgt für rustikalen Landhausstil
   
 
"Warm up" an der Uchida 2A3
   
   
Die Chassis werden zur optimalen Kopplung an die Schallwand selbstverständlich ohne dämpfendes Dichtmaterial direkt auf die Schallwand geschraubt. Der fertige Lautsprecher wiegt weniger als 10 kg.
     
   
Weitere Änderungen: Um die Eckpinnen zur Vermeidung von Kantenreflexionen möglichst bündig zu den Gehäuseseiten zu bekommen, habe ich einen geringeren Durchmesser von 28 mm gewählt. Das funktionierte auch bei der Montage hervorragend.
 
Darüber hinaus finde ich es grundsätzlich unglücklich - auch bei custom made LS regelmäßig zu sehen - den Lautsprecher auf flächige "Füße" (=Eckpinnen) zu stellen. Auf ebenen Böden mit kleinen Unebenheiten (die immer da sind) steht der LS nicht auf der ganzen Fläche, sondern ggf. kantig auf dem Radius - mögliche Ursache für Mikro-Resonanzen, die zu Unsauberkeiten im Klang führen können. Daher habe ich "umgedrehte Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Figuren" vorgesehen - auf den Kugeln hat der LS stets einen perfekten Stand! (Eine einfache Halbkugel am unteren Ende der Pinne hätte mir zu "besenstilmäßig" ausgesehen...)
     
     
Der Blick in das unten offene Gehäuse zeigt, dass die (elektrisch perfekten!) Bananen-Buchsen aus vergoldetem, massivem Messing an den Lötfähnchen noch "blank" sind (die gibt es in dieser Form übrigens bei keinem Lieferanten...). Dieses Manko ist dem Umstand geschuldet, dass mir mein "Kabel-Papst" meine Innenverkabelung noch nicht geliefert hat, ich den LS aber unbedingt schon mal in "Ohrenschein" nehmen wollte - also habe ich das Chassis als Übergangslösung zunächst mit einer Standard 1,5 qmm-Strippe direkt mit der Endstufe verbunden. Ich bin zwar beileibe kein Kabelfetischist, aber diese Strippe ist dann doch selbst für mich auf Dauer ein haltloser Zustand...
 
Jetzt werde ich den LS erst einmal ausgiebig hören und testen (und natürlich die "anständige" Innenverkabelung vorsehen). Vor allem werde ich noch mit kleinen Dämpfungsmaßnahmen experimentieren, weil jetzt schon klar ist, dass der Stimmenanteil und der obere Mittelton, die aus der unteren Öffnung austreten, durchaus vernehmbar sind und den Klang marginal verfärben. Dann gibt es demnächst ein Post zum Klang sowie weitere Infos zur anstehenden Lautsprecher-(Weiter-)Entwicklung. Schließlich sollen die Erkenntnisse aus diesem hier vorgestellten "Testlautsprecher" in einen separaten Lautsprecher-Entwurf münden...