Sonntag, 27. November 2011

Röhren-Maniac auf Abwegen

Spätherbst, Ende November 2011, irgendwo in Deutschland. Karl war nervös, als er mit seinen Vorbereitungen begann. Schließlich war er ja gar kein Krimineller, verfügte im Grunde nicht einmal über ein gerüttet Maß krimineller Energie. Fand er jedenfalls selbst. Karl wollte es unbedingt allein durchziehen, obwohl er ahnte, dass es womöglich schwieriger werden würde als mit einem Komplizen. Aber er wollte nicht teilen und auch keine Mitwisser haben. Auf Ärger konnte er verzichten.
 
Heute war Dienstag. Fast auf den Tag genau sieben Wochen war es nun her, als er von den Objekten seiner Begierde erstmals erfuhr - seitdem fand Karl einfach keine Ruhe mehr. Der Einbruch war bis ins Detail geplant. Er wollte grundsätzlich keine Gewalt gegenüber Personen oder Tieren wie z.B. Hunden anwenden, das schloss er kategorisch aus, aber das würde auch nicht notwendig werden. Das Haus sah verlassen aus, genau, wie er es erwartet hatte. Selbst schuld, dachte Karl, der sich immer noch über die ihm von Herrn H. auf der Messe entgegengebrachte Offenherzigkeit wunderte. Dabei waren sie sich noch nie zuvor begegnet, aber in der Szene war es ja nicht ungewöhnlich, schnell Vertrauen zu fassen; die gleichen Interessen zu teilen, verbindet eben. Herr H., der mit seinen vorgeblichen Besitztümern auf der Messe ganz schön rumgeprotzt hatte, schien tatsächlich verreist zu sein - so, wie er es erzählt hatte. Ägypten.
 
Karl hatte bei seinen Planungen das Problem gehabt, dass er keine Ahnung hatte, wie Herr H. wohnte: Wohnung, Reihenhaus oder Einfamilienhaus? Die Stadt war 230 Kilometer von seinem eigenen Wohnort entfernt und er war niemals zuvor dort gewesen. Die Adresse allein, die auf der Visitenkarte stand, nützte ihm wenig, allerdings half ihm bei diesem Problem Google Street View weiter: Tatsächlich wohnte Herr H. in einem allein stehenden Einfamilienhaus in einer scheinbar relativ ruhigen Siedlung. Die Bilder im Internet verrieten ihm weiterhin, dass das Haus etwas zurückgesetzt stand und offenbar unterkellert war. (Karl selbst hatte Google damals klugerweise die Veröffentlichung von Bildern seines Hauses untersagt.)
 
Endlich war Karl auf der Rückseite des Hauses angelangt und kniete vor einem Kellerfenster. Er drückte den Saugnapf in der Nähe des Rahmens auf die Scheibe und zog mit dem Glasschneider kräftig einen Kreis. Einfacher als gedacht ließ sich der Kreis nach innen drücken und das Glas fiel ohne allzu großen Krach herunter. Dennoch hielt er kurz inne, um zu horchen, ob sich im Haus daraufhin etwas tat. Es blieb völlig ruhig. Dass die Haftkraft des Saugnapfes ausreichen würde, die kreisrunde Glasscheibe nach außen zu ziehen, hatte er auch nicht wirklich erwartet. Er langte durch das Loch, öffnete den Riegel und stieß das Fenster nach innen auf. Karl war angespannt, spürte seinen Puls in jeder Faser seines Körpers.

  
Karl leuchtete mit der Taschenlampe in den Raum hinein. Der Bereich unterhalb des Fensters war frei und er schlüpfte, nein, krabbelte eher durch das Fenster am Boden in den Kellerraum hinein. Er orientierte sich im Raum und ging auf die Tür zu. Sie war offen! Er ging weiter durch den Kellerflur, sah die Treppe, ging hinauf und gelangte wieder zu einer Tür, die sich ebenfalls öffnen ließ. Offenbar war Herr H. grundsätzlich recht unbedarft...
  
Mit seiner Taschenlampe leuchtete er diszipliniert grundsätzlich nur in Bodennähe und seine Turnschuhe erlaubten ihm leise Schritte. Seine Uhr zeigte 02:36. Karl vermutete die Schätzchen, deretwegen er gekommen war, im Wohnzimmer. Und tatsächlich: Da stand er, der Humidor. Herr H. hatte die Wahrheit gesagt, er hatte Karl auf der HiFi-Messe erklärt, dass er – und vor allem, warum er – seine wertvollsten Trioden in einem großen Humidor unter kontrollierten Bedingungen aufbewahrte. Der Typ war auf eine fast liebenswerte Weise echt völlig durchgeknallt!
  
Wie elektrisiert öffnete Karl den Humidor und jauchzte leise vor Entzücken, als er zwei Pärchen Marconi bzw. GEC PX25, ein Pärchen Telefunken AD1, eine Schachtel mit acht Telefunken ECC803S, zwei alte Pärchen Western Electric 300B, ein Pärchen WE 421A sowie ein Pärchen Raytheon 2A3H herausnahm und in seinem Rucksack verstaute. Der Humidor war nun leer. Er sah sich weiter im Raum um und entdeckte etliche feine Hifi-Gerätschaften, unter anderem eine schöne Shindo 64B Push-Pull-Mono-Endstufe mit 6B4G-Trioden. Karl war zunächst versucht, auch diese Röhren abzustöpseln und mitgehen zu lassen (ihn juckte es sogar kurz, sich gleich beide Monos unter die Arme zu klemmen, ungeachtet der praktischen Schwierigkeiten), ließ es dann in einem Anflug von Mitleid aber sein und trat mit seiner restlichen Beute den Rückzug an. Er hatte seinem Trioden-Sammelzwang nachgegeben, weil er einfach nicht anders konnte und hatte diesen Einbruch durchgezogen. Echte Trioden-Maniacs würden´s verstehen, dachte er für sich. Aber er wollte nicht zu gierig werden. Schließlich war Herr H. eigentlich doch ganz nett gewesen und er wollte ihm die Vorweihnachtszeit nach dessen Rückkehr aus dem Urlaub nicht völlig versauen - so konnte er immerhin noch mit seiner 64B hören...

Samstag, 26. November 2011

Warm-up: Röhrenvorverstärker Wall Audio Opus 88

Für einen Test ist gerade eben der neue Röhrenvorverstärker von Wall Audio, der Opus 88, eingetroffen.
  
Komfortabel:
Phono MM und MC, per Kippschalter umschaltbar, MC über Step-up Transformer, Load-Buchsen zur Anpassung der Eingangsimpedanz (MM).
 
Heimelig:
Beleuchtung der Front in zwei Helligkeitsstufen oder ganz abschaltbar.

  
Bestimmt auch komfortabel:
Solide Universal-Fernbedienung - die bleibt allerdings gleich im Karton und daher ohne Foto. Für mich persönlich sind Fernbedienungen überflüssig.
  
Vielversprechend: 
Netzteil in separatem Gehäuse mit EZ80 (Gleichrichter) sowie DC-Stabilisator bestehend aus ECC83 (1. System Referenzspannung, 2. System Fehlerkorrektur), EF80 (Gleichspannungsverstärker) und 6C19P (Leistungstriode).
 
   
Mehr als ausreichend:
Zwei Hochpegeleingänge (Aux, CD).
   
Gutes Zusammenspiel mit Single-Ended Trioden garantiert:
Zwei Ausgänge mit unterschiedlichen Ausgangspegel-Niveaus; einer von beiden zudem regelbar. Das kommt der Anpassung an die hohe Eingangsempfindlichkeit von SET sehr entgegen, gehobene Zimmerlautstärke auf "8 Uhr" wird damit vermieden.
 
           
Röhren:
Hochpegelsektion mit 2x ECC88 und 2x E88CC; Phonoboard mit 2x ECC82, 3x ECC83, 1x ECC803S. Wer also eine Substitution der Röhren von JJ, EH oder Tesla gegen NOS-Derivate plant, kalkuliere etwas zusätzliches Budget ein.
 
Sonstiges:
Sehr solider Aufbau der Gehäuse, Platinenaufbau, hochwertige Bauteile (z.B. Mundorf, selektierte Oil Caps).
 
Der Opus läuft sich erstmal ein wenig warm und freundet sich mit "Uschi" an; demnächst gibt´s dann Details und Klangeindrücke.

Sonntag, 20. November 2011

Auditorium 23 Provence - eine längst überfällige Huldigung

Welcher Breitbandfan kennt sie nicht: die Auditorium 23 Hommage SoloVox oder die Rondo - nicht zuletzt aufgrund der Berichterstattung eines gewissen RK in der image hifi. Beide stammen von Keith Aschenbrenner und behausen den berühmten PHY-HP H21 LB 15, den man mag oder eben nicht; dazwischen scheint es nicht viel Spielraum zu geben.
 
Aber um keinen der beiden Lautsprecher soll es heute gehen, sondern um einen der schönsten jemals gebauten Lautsprecher, dem nie die gebührende Anerkennung zuteil wurde: die Auditorium 23 Provence. Die Gehäuse selbst wurden übrigens von Norbert Gütte (=> Fa. LignoLab) geschreinert.
 
 
Wenn ich mich recht entsinne, gab es Ende der 1990er Jahre etliche Anzeigen, in denen die Provence beworben wurde, jedoch nie einen Test. Dabei klingt die Provence in den Ohren nicht weniger besser als z.B. die Rondo, die damals genauso viel kostete - beide Lautsprecher gab es eine Zeit lang parallel.
 
 
 
Auch in diesem Gehäuse läuft der Salabert-Treiber selbstverständlich ohne Filter - einem guten Treiber schneidert man ein passendes Gehäuse auf den Leib, mehr nicht. Lästermäuler würden der Querstrebe auf dem oberen Bild die Funktion einer Kleiderstange zubilligen; Auskenner wissen es besser, nämlich, dass an dieser Stelle ganz gezielt Gehäuseresonanzen unterbunden werden. Auffällig sind zudem die rechteckigen Öffnungen im Boden.
 

   
Die Gehäusedimensionen erinnern an eine mittelgroße Kommode und integrieren sich wohl in nahezu jedes Wohnraumambiente. Auch wenn ich mich (gerne) wiederhole: Für mich ist die Auditorium 23 Provence einer der schönsten jemals gebauten Lautsprecher - warum baut heutzutage niemand mehr solche Gehäuse?!

Edit 08.12.2015
Für Interessierte hier die Maße der Provence:

Freitag, 11. November 2011

Tung-Sol 2A3 Dual-Monoplate

Dieses Pärchen Tung-Sol 2A3 kommt "echt NOS"  und jungfräulich aus den zugegeben nicht mehr ganz taufrischen Schachteln. Es wurde Anfang der 1950er-Jahre produziert und offenbart bei Betrachtung gegen das Licht, dass es sich tatsächlich um ein Pärchen Dual-Monoplates handelt, d.h., beide Triodensysteme haben eine separate Anode.
 
Im Laufe der Zeit verliert man zwar hin und wieder den Überblick, aber dieses Pärchen erinnerte mich an die bereits im Januar (2011) hier im Blog gezeigte  Ken-Rad 2A3 Dual-Monoplate und ein Vergleich ergab, dass der innere Aufbau beider Derivate bis auf marginale Differenzen (siehe oberes Glimmerplättchen & Aufhängung der Systeme) absolut identisch ist. Ob es sich bei den Tung-Sols evtl. sogar um "re-brandete" (furchtbar, diese Anglizismen!) Ken-Rads handelt, weiß ich nicht.
 
 
 
 
 
 
 
Auch dieses Pärchen weist die gleichen hervorragenden Eigenschaften wie die Ken-Rads auf, was bei quasi identischem Aufbau auch nicht wirklich verwundert: extrem geringer Brumm, keinerlei Nebengeräusche, extrem geringe Mikrophonie-empfindlichkeit und sehr geringes Rauschen.
 
Der Klang
Nun, ich könnte die Beschreibung der Ken-Rad 2A3 erneut herunterbeten, denn sie trifft exakt auf diese Tung-Sols zu - nur hat davon niemand etwas. Vielmehr möchte ich versuchen, sie ein wenig spezifischer im Vergleich zu anderen Derivaten einzuordnen.
  
Sie liegen klanglich nicht direkt zwischen RCA und Sylvania, sondern vereinen eher die Vorteile beider: RCA betont ja eher die Frequenzextreme, ist tendenziell analytischer als andere 2A3-Röhren und baut das Klangbild nicht so sehr von der Mitte her auf, klingt dabei gerade im Stimmenbereich etwas "grobkörniger" und "rauer". Sylvanias hingegen lösen nicht ganz so sehr auf, klingen aber seidiger und feiner und das Frequenzspektrum erscheint nicht so "auseinandergerissen", mehr aus der Mitte heraus, musikalische Zusammenhänge bleiben besser erhalten.

Die Tung-Sol ist (für eine 2A3, nicht absolut gesehen) extrem neutral, nimmt sich aus dem Geschehen zurück und spielt einfach Musik, sie lenkt nicht durch "eigene Interpretationen" ab. Dabei steigt sie tief in den Keller bzw. klettert "hoch hinaus", ohne dass es vordergründig wirkt. Schlacken- und allürenlos, bei extrem niedriger Störgeräusch-Grasnabe - eine wirklich tolle 2A3 ohne Zuckerguss und Euphonie!

Freitag, 4. November 2011

Breitbänder vs. Mehrwegelautsprecher: Registerverblendung

Hin und wieder werde ich gefragt, warum ich (Fullrange-)Breitbändern den Vorzug gebe gegenüber Mehrwegesystemen - viele vermuten, sie passten einfach besser in den "historischen Kontext" im Verbund mit Single Ended Trioden und seien von diesen leichter anzutreiben. Aber das ist nicht der Grund - mir ist der gute Klang grundsätzlich wichtiger als purer Dogmatismus.

Vielmehr klingen Breitbänder für mich "aus einem Guss", einfach kohärent - aber was heißt das eigentlich? Bei allen Vorteilen, die Mehrwegesysteme ja grundsätzlich bieten (können), leiden sie unter dem Phänomen der "Registerverblendung", welches Heinz Gelking bereits in einem Artikel in hifi tunes - Das Lautsprecherbuch umrissen hat und dessen eingeführte Begrifflichkeit ich gerne übernehmen möchte. Dabei geht es um die Tatsache, dass sich jeder Ton aus einem Grundton (k1) und seinen Obertönen (k2, k3, k4,...) zusammensetzt. Bei Mehrwegelautsprechern werden bestimmte Töne - abhängig von der Übergangsfrequenz zwischen zwei Treibern - also nicht nur von einem Treiber wiedergegeben, sondern von zwei Treibern.

 
Wird also beispielsweise über ein Zweiwegesystem mit einer (hypothetischen) Trennfrequenz bei ca. 1 kHz der Kammerton A (440 Hz) wiedergegeben, so liefert der Tiefmitteltöner die Grundfrequenz (k1) und den ersten Oberton (k2, 880 Hz; 2. Harmonische). Der Mittelhochtöner dagegen spielt alle Obertöne ab dem zweiten (k3, 1.320 Hz; k4, 1.760 Hz; usw.). Das Ohr nimmt die aus unterschiedlichen Richtungen ankommenden Frequenzen, die in ihrer Gesamtheit die charakteristische Klangfarbe eines Tons ergeben, sehr wohl wahr. Darüber hinaus bedeutet eine Trennfrequenz bei 1 kHz ja nicht, dass der Tiefmitteltöner Töne über 1 kHz bzw. der Mittelhochtöner Töne unterhalb 1 kHz nicht mehr wiedergeben - sie tun das, je nach Flankensteilheit des Filters, nur entsprechend leiser, so dass in unserem Fallbeispiel selbst k3 noch vom Tiefmitteltöner bzw. k2 vom Mittelhochtöner wiedergegeben werden.

Unser archaisches, in Jahrtausende langer Evolution durch die Umwelt geprägtes Gehirn ist durch die unterschiedlichen Richtungen ein und desselben (Teil-)Tons irritiert und "investiert" sehr viel "Rechenleistung", um diesen Makel zu kompensieren. Das gelingt zwar auch, allerdings nur um den Preis angestrengteren bzw. anstrengenderen Hörens - es klingt halt nicht wie "aus einem Guss".

Fullrange-Breitbänder (und im Grunde auch Koaxe) sorgen dafür, dass man sich mit diesem psychoakustischen Phänomen nicht plagen muss. Sicherlich kein Grund, Mehrwegesysteme grundsätzlich zu verteufeln und auch nur einer von vielen Aspekten - aber Grund genug für mich, diesbezüglich einfach mal einen Denkanstoß geben zu wollen.
 
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