Dienstag, 31. Januar 2012

11 tracks to check your speakers oder: High End ist, wenn´s (trotzdem) Spaß macht

Keine Sorge, hier soll es jetzt nicht um meine Musikpräferenzen gehen, jedenfalls nicht originär. Vielmehr geht es um die Frage, was denn eigentlich "High End" ist - oder sein kann. Unabhängig von der Branche wird unter High End im Allgemeinen das technisch Machbare, das "obere Ende der Fahnenstange" verstanden. Bei HiFi wird High End automatisch mit "teuer" gleichgesetzt. Und bisweilen erscheint es mir fast so, also verkauften sich Komponenten umso besser, je dicker das Preisschild ist, welches ein Gerät umgehängt bekommt - unabhängig vom tatsächlichen Wert. Dem Kunden muss nur das Gefühl von "Wertigkeit" vermittelt werden. Hauptsache, die Story stimmt, es wird ein wenig Bohei um die neueste, selbstverständlich revolutionäre Schaltung gemacht und ordentlich Chrom auf die Frontplatte gekleistert, dann kann auf dem Verkaufsschild ruhig das Acht- bis Zehnfache der Herstellkosten stehen. Wer glaubt, ich übertreibe maßlos, der sollte mal den einen oder anderen bekannten Lautsprecher durchkalkulieren. Und spätestens wenn dann ein 100 €-Vollbereichs-Treiberchen von Fostex in einer 4.000 €-Box (Stückpreis) steckt, wird´s grenzwertig...
   
Ups - merkt man, dass ich mich gedanklich schon auf das kommende Wochenende in Hamburg einstimme?! Sorry...
   
 
Um es mal klar auf den Punkt zu bringen: Ich habe kein Problem mit Produkten à la Silbatone - im Gegenteil (wären doch bloß alle Hersteller superteurer Komponenten so authentisch). Und womöglich würde ich mir solche Ausnahmeprodukte sogar anschaffen, wäre da nicht just diese kleine pekuniäre Unpässlichkeit meinerseits.
 
Allerdings finde ich es viel spannender, wenn ein preiswertes Gerät (das durchaus auch teuer sein kann) eine Performance hinlegt, die mich als Zuhörer fesselt, die einfach Spaß macht - denn das ist es doch, worum es beim Musik hören gehen sollte: um Spaß.
 
Und um den wahren Wert einer Komponente einschätzen zu können, teste ich bestimmt nicht, ob "die Auflösung der dritten Geige hinten rechts ein wenig differenzierter und eher gülden als silbrig" ist oder ob der Raum über einen halben Meter mehr virtuelle Tiefe verfügt. Ich lege einfach ein paar Tracks auf, bei denen bei mir der Funke überspringen muss - 11 Tracks, die für mich keine "Teststücke" sind, sondern morgen schon wieder ganz andere sein können... (Ich hege übrigens keinerlei Ressentiments gegenüber Jazz oder Klassik, aber Jazz ist einfach nicht mein Ding und Klassik, na ja, ok, ein paar Platten habe ich schon.)
   
1) Rio Reiser - König von Deutschland
Kein anderes Lied gibt dem - in jedem von uns steckenden - kleinen anarchischen Affen in mir so viel Zucker wie dieses. Herrliche Verballhornung eines Zeitgeistes, der sich leider bis heute hält und in krassem Kontrast steht zu den Zeiten, als es noch Politiker mit Format gab wie Helmut Schmidt oder Richard von Weizsäcker.
 
2) Michael Jackson - Beat it (Thriller)
Ich bin wahrlich kein Michael Jackson-Fan, aber anerkennenswert ist sein Lebenswerk allemal und dieser Song mit dem genialen Gitarrensolo von Eddie Van Halen ist wirklich klasse. By the way: Wer kann mir sagen, was das "Klopfen" kurz vor dem Gitarrensolo für ein Geräusch ist? (auf dem Album)
 
3) Run DMC feat. Aerosmith - Walk this way
Hier müssen die fetten Beats einfach richtig "kesseln". Ein echter Crossover-Song, derart witzig und originell wie kaum ein zweiter. Wenn der Lautsprecher nix taugt, humpelt der Bass einen halben Schritt hinterher.
  
4) Warsaw (Joy Division) - Failures
In der ursprünglichen Version von Warsaw klingt dieser Klassiker des (Post-)Punk gerade so, als liefe der Plattenspieler auf zu hoher Drehzahl. Wenn das der Fall ist, macht die Anlage alles richtig. (Die spätere Version nach der Umbenennung in "Joy Division" klingt da etwas braver.)
 
5) U2 - Desire
Äh... interessieren diese Ausführungen wirklich noch jemanden?! Ok, ich mache es also kurz:

6) Pogues - Summer in Siam (Hells Ditch)
7) Queen - Radio Ga Ga
8) Franky Goes To Hollywood - Power of Love
9) R.E.M. - All the way to Reno
10) Coldplay - Strawberry Swing (Viva la Vida)
11) Shout out louds - Tonight I have to leave it (Our ill Wills)

Auf Messen nehme ich meine Scheiben schon lange nicht mehr mit - da geht es mir einfach zu bierernst zu. Ganz selten ist´s spaßig, bisweilen erntete ich sogar schon böse Blicke oder Kommentare ob meiner Musikwünsche. Ich finde übrigens NICHT, dass aufgeregte Verständnislosigkeit angemessen ist, wenn man gerne mal Hells Bells von AC/DC über die 50 k€-Anlage hören möchte ("Das ist doch nicht audiophil!" - "Nee, aber wenn ich das teure Zeug kaufen soll, will ich verdammt nochmal wissen wie MEINE Musik darüber klingt!"). Wie ich das Wort "audiophil" inzwischen hasse... 
 
Gleichwohl diese Zeiten (aufgrund meiner, ähm,  Verweigerungshaltung? Sturheit? Resignation?!) also glücklicherweise für mich vorbei sind, gibt es immer noch genug Freaks (Neudeutsch: Nerds), die sich in angespannter Sitzhaltung auf der Stuhlkante selbst heute noch Ulla Meineckes furchtbare "Tänzerin" reinziehen und happy sind, wenn es "audiophil" klingt (ich weiß bis heute nicht, wie etwas "audiophil" klingt). Ich werde mich in Hamburg also überraschen lassen, welche "Tänzerinnen-Äquivalente" denn dort so auf den (Platten)Teller kommen. Auch ich habe Anfang der 1980er-Jahre diesen ganzen Mist geglaubt, der in den beiden (damaligen) Marktführer-HiFi-Magazinen propagiert wurde. Und ob Ihr es glaubt oder nicht, auch dieses Album mit vorgenanntem Lied steht bei mir sogar noch rum...

 
Also ganz ehrlich: Bei diesem Lied ist bei mir bisher noch nie auch nur das kleinste Fünkchen Emotion übergesprungen - auf keiner Anlage. Das Lied soll ja "audiophil" aufgenommen sein, allein - es nützt nichts, es ist wohl ganz einfach nicht mein Ding...
 
Vor etlichen Jahren habe ich mir einmal in einem Hamburger HiFi-Studio einen vielversprechenden, in der ernstzunehmenden Fachpresse gut beleumundeten Lautsprecher angehört. Partiell einmalig gut, nein, phantastisch (oberer Grundton bis oberer Mittelton) - allerdings im Bass- und Präsenzbereich unterbelichtet, da konnte auch die Regel 400.000 nicht mehr viel retten. Als der Händler mich nach meinem Eindruck fragte, antwortete ich denn auch ehrlich. Daraufhin entgegnete er mir sinngemäß:
 
"Ach, wissen Sie, wenn der Lautsprecher erstmal bei Ihnen Zuhause steht, hören Sie irgendwann sowieso andere Musik als jetzt - Kammermusik und Jazz in kleinen Besetzungen und so. Sie sind da jetzt wohl noch falsch konditioniert, denn wer so einem Lautsprecher gerecht werden will, sollte sich auch verantwortungsvoll auf ihn einstellen!"
 
Ich war sprachlos, denn DAS war wirklich das Schrägste, was ich in diesem Zusammenhang je gehört hatte...

1 Kommentar:

  1. Hallo,

    Du sprichst mir aus der Seele. Verantwortungsvoller Umgang mit Lautsprechern... Ja nicht die falsche Musik hineintun :D Ich lache mich scheckig... Für meinen Teil höre ich alles angefangen bei Minimal House über Gothik, aber auch Handgeklampftes. Hauptsache Emotion.

    Leider klingt vieles aus meiner Jugend heute nicht mehr so schick. Vor 15 Jahren habe ich z.B. Prager Handgriff gehört (ja ja, Sturm und Drang). Eine Indie-Gruppe, wo wahrscheinlich das Budget gefehlt hat für eine "audiophile" Aufnahme. Und so klingt es auch etwas zugehangen. Aber! Ändere ich deswegen meinen Musikgeschmack? Nein, ich höre es mir trotzdem an. Das "Zugehangene" mache ich zu einem Zeugnis der Zeit und des Ursprungs dieser Scheiben. Somit komme ich sehr gut klar. Die Freude daran geht nicht kaputt.

    Mit dem Wort "audiophil" kann ich auch nicht viel anfangen. Wenn es um gute Aufnahmen geht kann ich Stockfisch Records empfehlen. Die Jungs sind mit Passion bei der Sache. Hörtip: David Munyon - Four Wild Hourses auf der Closer to the Music 2. Ob das nun audiophil ist, kann ich nicht sagen. Klingt auf jeden Fall gut und ist mein(!) Geschmack.

    Viele Grüße,
    Uwe aus Dresden

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