Samstag, 31. März 2012

Vor-/Endstufe Dynavox DynaGroove - es muss ja nicht immer eine echte Triode sein...

"Dynavox?!" - nein, hier geht´s nicht um die Billigheimer aus Fernost, sondern um eine kleine, feine Vor-/Endkombi, die zwischen 2003 und 2007 von der damaligen MusicConnection offeriert wurde (Ulf Moning, heute Dynamikks! und Roman Groß, heute Roman Groß). Ich kann nicht verhehlen, dass ich schon immer ein gewisses Faible für die Geräte der damaligen MusicConnection hatte bzw. habe. Und so konnte ich an dieser Gelegenheit einfach nicht vorbeigehen, ohne zuzuschlagen: Eine sieben Jahre alte Dynavox DynaGroove Vor-/Endkombi in quasi neuwertigem Zustand zu einem sehr, sehr fairen Preis.
  

Leider hat MusicConnection nach Inkrafttreten der leidigen RoHS-Verordnung am 01.07.2006 schließlich in 2007 die Produktion von Röhrenverstärkern aufgegeben. Leider deshalb, weil es heutzutage niemanden mehr gibt, der solche Röhrenverstärker wie diese baut: kompakt und schnuckelig mit einer Gehäusegrundfläche in der Größe eines DIN A4-Blatts; der Vorverstärker ebenfalls mit offenem Chassis und oben liegenden Bedienelementen; ein Design, das endlich mal ohne schnöde ECC8(X)-Tuben auskommt, beide Geräte dafür eine Röhrengleichrichtung haben und die Endstufe zudem satte 4 Watt aus der Beam Power Tetrode 6L6GC in Triodenschaltung gewinnt.
 
  
Die DynaGrooves nach dem Auspacken mit einem Sack zusätzlicher Röhren...
    
Außerdem reizvoll, dass hier der Designansatz gewählt wurde, mit günstigen aber pfiffigen Zutaten zu einem außergewöhnlich guten klanglichen Ergebnis kommen zu wollen - und zwar zu einem sehr günstigen Kurs: Diese Kombi kostete damals neu nur 3.000 €. Warum, um Himmels willen, baut heutzutage niemand mehr so coole Verstärker?! Fast ausnahmslos alle heute am Markt erhältlichen Röhrenverstärker erscheinen mir dagegen so spannend wie eingeschlafene Füße. Insbesondere die so genannten "Line Vorverstärker", die zwar Röhren im Bauch haben (natürlich im Bauch, und damit leider unsichtbar), aber über keine Phonostufe verfügen, finde ich unerträglich (eigentlich sind das gar keine echten Vorverstärker, sondern Krüppel). Ein Vorverstärker hat eine Phonostufe zu haben. Punkt.
       
Ich werde "echten" Trioden - vor allem der 2A3 - unbedingt treu bleiben, warum also diese Anschaffung?  Hm, bei unserem Hobby ging es noch nie so sehr um rationale denn eher um emotionale Kriterien, nicht wahr?! (Eine Verwendung findet sich schon. Schließlich sollen Röhren glühen und in meinem Röhrenfundus warten noch ein paar passende Röhren darauf, endlich wieder zum Einsatz zu kommen, insofern sind diese beiden Dynavoxe quasi als "Reanimateure" für einige meiner Röhren zu sehen.) Ich finde die zum Gehäuse umfunktionierten kleinen Schaltkästen als Gimmick genial, kleine knuffige Röhren-Dinger, die den Haben-Wollen-Reflex eines jeden Röhren-Maniacs sofort auslösen und das Röhrenherz zutiefst berühren.
   
Was mir an diese Kombi vor allem sehr gut gefällt, ist die sinnvolle Abstimmung der Verstärkungsfaktoren beider Geräte aufeinander: Die bis zu 20 V Spannung der Vorstufe am Ausgang muten fast schon wahnwitzig an, dafür ist die Endstufe aber entsprechend unempfindlich. Mit einer Uchida sollte diese Vorstufe also eher nicht kombiniert werden... (vgl. hier und hier).
   
   
Recht selten: Valvo JAN 6SL7GT
  

6L6GC von Sylvania
 
Die zweitwichtigste Errungenschaft Helmut Kohls - nach der Wiedervereinigung - war seine Erkenntnis, dass "entscheidend ist, was hinten rauskommt" - so wollen wir es hier auch halten und uns endlich dem Klang zuwenden. Ohne viel Federlesens (sprich: Messen der Röhren) habe ich die Kombi mit den mitgelieferten - und viel gelaufenen - Röhren in Betrieb genommen. 2x Valvo EL8, 2x Valvo JAN 6SL7GT, 2x Tungsram RGN 1064, 2x Sylvania 6L6GC und 1x RFT 6SN7GT durften erst einmal auf die Schnelle ran.
  
Im Vergleich zur Uchida 2A3 - die sich mit ihren ca. 3,5 Watt leistungsmäßig ja sehr gut vergleichen lässt - sind einige wesentliche Merkmale sofort erkennbar: Beide Frequenzenden werden von den DynaGrooves stärker beleuchtet, ohne jedoch überpräsent zu sein - als ob dieser Verstärker eine größere Bandbreite hätte. Eine Uchida spielt integrativer, mehr aus der Mitte heraus und ist dabei musikalisch einen Tick "fließender", eindringlicher. Dafür fehlt ihr der fast bissige Punch der triodisierten 6L6GC im Bassbereich. Ruft man sich die Qualitäten der Tamura-Übertrager der Uchida ins Bewusstsein, ist das schon ziemlich erstaunlich - im Vergleich zu diesen wirken die unter einer gemeinsamen Haube verborgenen Übertrager der DynaGroove Endstufe nämlich fast mickrig.
 
Die Uchida verfügt über mehr Schmelz und "baut" einen größeren Raum auf. Im Vergleich dazu wirkt die DynaGroove-Kombi etwas sachlicher (ehrlicher?) - jedoch nie langweilig! - und es scheint gerade so, also hätte jemand den virtuellen Euphonie-Regler wieder ein kleines Stück weiter nach links gedreht. Das ist bisweilen sogar sehr erfrischend, weil die DynaGrooves nämlich im Gegenzug etwas mehr Attacke bieten. Ein sicherlich stark hinkender Vergleich erscheint mir vor meinem geistigen Auge, nämlich der zu zwei Bands: Die Uchida ist eher wie Queen mit dem großartigen Freddie Mercury - charismatisch, bombastisch und bisweilen etwas bedeutungsschwanger im Ausdruck. Die DynaGrooves erinnern mich dagegen eher an Guns N´ Roses (z.B. Paradise City): Straight, roh, rotzig und schnell - da fällt es schon fast schwer, die Luftgitarre nicht rauszuholen...
 
Jetzt werde ich als Nächstes meinen Röhrenfundus nach passenden Röhren durchstöbern und ggf. fehlende Typen besorgen. Schließlich sollen die DynaGrooves neu bestückt werden, um wieder frisch und munter zeigen können, was sie drauf haben. Ich werde demnächst berichten.

Kommentare:

  1. Erstmal Gratulation zur neuen Errungenschaft.

    Zitat: "Diese Kombi kostete damals neu nur 3.000 €. Warum, um Himmels willen, baut heutzutage niemand mehr so coole Verstärker?!"

    Ehrlich gesagt, ist 3000€ immernoch eine Stange Geld. Worauf begründet sich dieser Preis? Übertrager, Drosseln? Röhren? Restliche Bauteile? Okay, es sind keine 10000€ aber so gut klingen, kann ein Verstärker gar nicht, dass ich so viel Geld dafür ausgeben würde.

    Betrachte das bitte nicht als Kritik. Ich weiß, das Perfektion sehr teuer sein kann. Doch wo ist die Grenze? Wo fängt das Esotherische an? Ich weiß, die Diskussionen gibt es zu Hauf. Ich glaube für 3000€ Budget, so denn man es selbst aufbaut, würde man schon eine fast perfekten Verstäker erhalten. Wie steht es mit der Relation von Verstärker zu Lautsprecher? Sollte man mit einer 1,5k€ Mono-Endstufe einen 200€ Selbstbaulautsprecher betreiben?

    Viele Grüße,
    Uwe

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  2. Hallo Uwe,

    danke für Deinen Kommentar.
    Meine rhetorische Frage, warum heute niemand mehr "so coole Verstärker" baut, bezog sich ausschließlich auf das Design, unabhängig vom Preis.

    Natürlich sind 3.000 € viel Geld, allerdings für eine derartige Vor-/Endstufenkombination inkl. Phono m.E. mehr als angemessen und für das Gebotene im Vergleich zu Wettbewerbern geradezu günstig.

    Zu Deiner Schlussfrage: Ich würde mich bei der Kombination von Geräten niemals an deren Preis orientieren - Schiffbruchgefahr! Wenn ich mit 200 € eine entsprechende DIY-Box auf die Beine stelle, kann ich auch eine X k€-Endstufe dranhängen - warum denn nicht? Schließlich geht´s nur um den Spaß an der Sache.

    Gruß,
    Carsten

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  3. Hallo Carsten,

    Gut, 3000€ für das Komplettpaket relativiert natürlich die Investition.

    Die Frage nach der Relation LS/Verstärker war zugegebener Maßen etwas ketzerisch. Ich finde es gut, dass du keine Grenzen ziehst und den Spaß in den Vordergrund stellst.

    Ich finde Dein Blog äußerst lesenswert! Mach weiter so!

    Achso: Betreibst Du eigentlich noch die Breezer? Wenn ja, bist du immernoch zufrieden?

    Viele Grüße,
    Uwe

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    1. Hallo Uwe,

      ja, die Breezer laufen noch - inzwischen allerdings mit einem hochinteressanten asiatischen 20cm-Breitbänder, der sich seit einigen Wochen einspielt und für den ich später ein TML-Gehäuse plane.

      Gruß,
      Carsten

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