Freitag, 13. April 2012

Expect the unexpected - die Suche nach der 6L6GC

 
DynaGroove Endstufe mit RCA 6L6GC Black Plate in Triodenschaltung
  
Für die DynaGroove-Kombi machte ich mich auf die Suche nach zwei neuen NOS-Röhrensätzen, um mindestens für die nächsten zehn Jahre gerüstet zu sein (bei angenommenen drei Stunden Betrieb pro Tag durchschnittlich, was ich sowieso nicht annähernd schaffe). Es versteht sich von selbst, dass nur alte amerikanische, britische order deutsche Röhren in Betracht kamen - mit chinesischen oder osteuropäischen Derivaten konnte ich mich noch nie anfreunden. Eigentlich erwartete ich keine größeren Schwierigkeiten bei der Beschaffung: Die (Valvo) EL8 wird sehr selten benutzt und sollte daher häufig zu finden sein (hier als Linestufe verwendet); 6SN7GT (hier je ein Triodensystem als Treiber für eine 6L6GC) und 6SL7GT (hier als Phonostufe) waren von je her weit verbreitet und wurden in entsprechend hohen Stückzahlen produziert (RCA, GE, Sylvania, Valvo, Ken-Rad, Raytheon, Tung-Sol,...). In der Tat war die Beschaffung zu vergleichsweise moderaten Preisen bei den gängigen Quellen kein besonderes Problem - hier wollte ich trotz anständiger Qualität nicht zu viel ausgeben. Die EL8 gibt´s meines Wissens sowieso nur von Valvo; mit sieben oder acht Euro pro (NOS-)Stück ist man dabei.
     
     
Ausgemustert: die Riege der damals mitgelieferten Röhren, v.l.n.r.:
NOS Tungsram RGN 1064, 6L6GC (chinesische Produktion), russische 6H8C (Äquivalent der 6SN7GT), NOS Valvo EL8, Sovtek 6SL7GT
    
Bei 6SN7GT und 6SL7GT mussten es nicht gerade die top of the line Derivate 5692 RCA redbase premium industrial (6SN7GT) für 125 US$ pro Stück bzw. die JAN 5691 RCA military redbase premium (6SL7GT) für 175 US$ pro Paar sein, die dem Vernehmen nach sogar für bis zu 10.000 Stunden Betrieb gut sein sollen. Einzelne 6SN7GT gibt es als NOS von den üblichen Verdächtigen schon zwischen 35 und 50 € in superber Qualität; entsprechende 6SL7GT als gematchtes Pärchen sind bereits zwischen 50 und 60 € zu bekommen.
      
   
hinten: "neuere" Sylvania 6SL7GT aus den 1960er-Jahren; vorne: Valvo EL8
 
   
links: Sylvania JAN CHS 6SL7GT (VT-229), rechts: Valvo JAN 6SL7GT
   
Schwieriger gestaltete sich schon die Suche nach schönen RGN 1064 Gleichrichtern - es sollten die klanglich vorteilhaften Valvos mit Maschenanoden sein. Hier war die Auswahl vergleichsweise eingeschränkt. Da aber gerade Netzteilen mit Röhrengleichrichtern in jedem Setup eine extrem hohe klangliche Bedeutung zukommen, schloss ich hier Kompromisse aus. Mit etwas Geduld gelingen in der Bucht zu dieser Röhre sogar (Beinahe-)Schnäppchen - allerdings war ich nicht bereit, über 50 € für ein Exemplar hinzublättern (Telefunken, per Sofort-Kauf - hier scheint man insbesondere den Telefunken-Hype mitbezahlen zu müssen), also war das einzelweise "Einsammeln" via Auktionen angesagt bzw.  die beharrliche Suche in (fast vergessenen) Online-Röhrenshops. Mit etwas Glück wird man hier für 20-30 € pro Röhre fündig, allerdings nicht als NOS/NIB, sondern meistens ohne Box und gebraucht, dennoch getestet mit >100% Emission. Übrigens lohnt hier auch mal ein Blick auf Mesh-Exemplare von Loewe/Opta: qualitativ gleichwertig und bisweilen sogar noch etwas günstiger.
  
  
Gleichrichter Valvo RGN 1064 "Big Mesh" (Maschenanode in großem Kolben)
  
 
"Big Mesh in action"
  

Gleichrichter Valvo RGN 1064 "Mesh" mit gleich großem Maschenanodensystem wie oben ("Big Mesh"), allerdings ist der Kolben deutlich kleiner. Es gibt auch noch eine "Coke Bottle" Variante (ist noch im Zulauf).
     
Unangenehm überrascht wurde ich allerdings bei der Suche nach 6L6GC-Pärchen: NOS-Exemplare von RCA, GE oder Sylvania dieser vermeintlich schnöden Beam Power Tetrode sind in Europa so gut wie ausgestorben. In den USA ist diese Röhrentype dagegen noch recht weit verbreitet - allerdings zu gepfefferten Preisen. Für ein gematchtes Pärchen RCA Black Plates in NOS-Qualität wird man mindestens 350 US$ los, zzgl. Versand und Zoll... Sorry, Folks, normalerweise bin ich da sonst nicht so zimperlich, aber in Summe sollten die Gesamtkosten aller Röhren nicht in die Nähe des Kaufpreises der Kombi kommen. Selbst die Grey Plates von RCA oder GE gehen für ca. 180 US$ über die Theke, Sylvanias sind marginal günstiger. Alsbald wurde mir ein möglicher Grund klar: Diese Röhre ist unter Musikern weit verbreitet und wird (von je her) häufig in Gitarrenverstärkern verwendet (verbraten) - Hifi-Freaks konkurrieren hier also mit aktiven Musik-Freaks! Als Indiz mag gelten, dass sogar Quellen wie Watford Valves einen 6L6GC Test feilbieten - mit Gitarren(verstärkern)! Wie auch immer, schließlich wurde ich - mit viel Glück und völlig unerwartet! - doch noch bei einem mir gut bekannten deutschen Dealer fündig - zum absoluten Freundschaftspreis und mit gefühltem "Treuebonus". Über den Preis dieser beiden gematchten Pärchen RCA 6L6GC "black plate" möchte ich an dieser Stelle den Deckmantel des Schweigens hüllen, um niemanden vor Neid in die Tischkante beißen lassen zu müssen...
 
    
links: RCA 6L6GC Black Plate, rechts: GE JAN-CL-6SN7GT Black Plate
 
 
hinten links: Sylvania 6L6GC Grey Plate, vorne rechts: RCA 6L6GC Black Plate
         
Vor der eigentlichen Inbetriebnahme war allerdings noch etwas Servicearbeit angesagt: Bei beiden Geräten war jeweils die Kunststoffschraube der Zugentlastung des Netzkabels gebrochen (weil spröde), die Zugentlastung damit nicht mehr gegeben. Ein unhaltbarer Zustand, jedoch ein übliches Phänomen bei solchen dem Sparzwang geschuldeten Lösungen; SchuKo: Fehlanzeige. Also Gerät auf, Lötkolben an, Adern abfrickeln, Zugentlastung ersetzen, Adern ranfrickeln, Gerät zu, fertig (Lötkolben aus).
    
   
vorher...
      
   
...nachher
 
So sieht es übrigens unter dem Bodenblech aus: gleichwohl mit weitgehend "einfachen Zutaten" (die paar Sprague Orange Drops machen den Kohl auch nicht fett), dafür handwerklich blitzsauber aufgebaut! Hier war jemand am Werk, der sein Fach versteht. Fast fühlt man sich an den exquisiten, schon legendär guten Aufbau von Jadis-Geräten erinnert. Nur Nörgler würden bei dieser Freiverdrahtung ein Haar in der Suppe finden (vielleicht die Masseführung? Oder laufen nicht alle Leitungen exakt rechtwinklig? Oder vielleicht...). Und wer die Verdrahtung der passiven RIAA-Entzerrung etwas wild findet (Vorstufe, rechts oben), der schaue sich einmal Geräte von Glenn Croft an...
 
Das einzig Irritierende: Unter den jeweils rechts vorn befindlichen Hauben bei Vor- und Endstufe befindet sich - nichts! Lediglich die Schrauben der Netzteiltrafos werden verdeckt. Eine Attrappe, gar ein Fake mit dem Ziel der Suggestion? Oder waren es einfach optische Gründe... mir egal.
 
 
Zum Teil etwas "frickelig": Vorverstärker
 
  
Übersichtlich: Endstufe
  
Bei genauerer Inaugenscheinnahme des Innenlebens fiel auf, dass in der Vorstufe leider einer von vier kleinen Siebkondis bereits etwas ausgelaufen war - hier war also eine kleine Reparatur (Tausch) fällig. Der Knackpunkt: Ausgerechnet diese Dinger sind nirgends aufzutreibende NOS-Teile von Frako - radiale Elkos mit 47 Mikrofarad/250 Volt. Und hier einfach irgendeinen anderen Elko reinbraten - das geht ja gar nicht, es musste einfach genau dieser von Frako sein, schon allein wegen der besonderen Anordnung/Anzahl der Anschlusspins. Freundlicherweise konnte mir hier Entwickler Roman Groß weiterhelfen, der mir nach einem kurzen Telefonat umgehend genau dieses Teil zuschickte.

  
NOS-Teil: FRAKO Elko (radial, einfach) in schon lange nicht mehr gebauter Form mit drei äußeren und einem mittleren Pin
      
    
Wie ein gezogener Zahn: Alter Elko mit Korrosion am Sockel
(die Beulen kommen von der Zange)
  
Klanglich war die Kombi nun jedenfalls kaum noch wiederzuerkennen - Röhren sind ja im Grunde auch nur schnöde Bauteile, deren Wechsel sich hier schon krass bemerkbar machte, fast, als hätte man nun einen anderen Verstärker vor sich stehen. Was ja wiederum nur für die beiden strukturell einfach gemachten Verstärker spricht, gelingt es ihnen doch, die Qualitäten feiner NOS-Röhren hörbar werden zu lassen.
  
   
DynaGroove Vorverstärker
 
Ich will mich dabei gar nicht im Herunterleiern abgedroschener Hifi-Phrasen verlieren: Diese Kombi vermag es, irren Spaß an der Musik zu vermitteln, und zwar ohne dass man in Versuchung geriete, die Frequenzbänder analytisch zu sezieren (Höhen, Mitten, Tiefen, Raum, blablabla - dieser ganzen Quark eben). Diese Kombi macht einfach so einen Höllenspaß! Man kann mit ihr Musik hören wie im Alter von 15 mit der ersten Hifi-Anlage, als einem High End und all dieses Gedöns noch schnurzpiepe war, weil man nämlich einfach nur - richtig - Musik gehört hat, mit Spaß an der Sache. (So wie der Teenager Anfang 1984 im Auto seines Vaters, als plötzlich der neue Queen-Song "Radio GaGa" lief, er das rappelige Radio so richtig laut aufdrehte, mitsang und einfach Spaß hatte. Clipping, Rauschen, Dröhn-Sound der Opel Kadett Simpel-Anlage - egal...) Hier geht der Spaß nun halt auf sehr hohem Niveau ab - wenn die Lautsprecher passen! Je nach Hörsituation rastet es ab 93 oder 94 dB/W/m ein.

Kommentare:

  1. Hi.
    Klasse Bericht.
    Und jetzt stell dir mal vor, du würdest mit Muße und Verstand noch die primitiven Bauteile sensibel verbessern: das würde noch einen Sprung bringen, da kannst du dir sicher sein. Denn: einfacher geht´s nimmer.
    Dass sie gut klingen, ist ja super und spricht für das Gesamtkonzept.
    Beste Grüße
    Chris

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  2. Hallo Carsten,

    ich habe die Endstufe mir nach der Reparatur ja angehört, ich denke es liegt daran, das die 6L6GC mit dem Anodenstrom die doch recht kleinen Übertrager nahe an die Sättigung bringen und die Endstufe deshalb so dünn und ausgemergelt klingen. Ich würde Dir raten, in den Endstufen einmal 6L6GA und 6L6GB zu probieren. Speziell die 6L6GA ist leistungsschwächer und hat in der Schaltung einen niedrigeren Anodenstrom. Falls Du die "alten" 6L6 Typen probieren möchtest, kann ich Dir welche leihen. MfG Robert

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  3. Hallo Chris, Robert,

    klar sind etliche Bauteile recht einfach ausgelegt, aber ich ziehe es grundsätzlich vor, Geräte im Originalzustand zu belassen (selbst wenn durch "Verbesserungen" potenziell noch was rauszuholen wäre). Darin lag damals seitens MusicConnection auch das Entwicklungsziel: Kostenminimierung durch einfache Umsetzung eines guten Konzepts.
    "Dünn und ausgemergelt": Das kann ich keinesfalls bestätigen. An diversen Treibern mit anständigem Wirkungsgrad (Ciare CH250 in Open Baffle, Seas FA22RCZ, L.Cao und Visaton BG 17 in verschiedenen DIY-Transmissionlines - alle zwischen 92 und 95 dB/W/m) klingt die Kombi alles andere als dünn - im Gegenteil! An ungünstigeren Lasten und niedrigen Impedanzen kann das natürlich ganz anders aussehen, zumal die gut 3 Watt aus der Triodenschaltung auch nicht gerade taugen, um Bäume auszureißen. Weiterhin hilft das Ausprobieren beider LS-Anschlüsse an der Endstufe (4/8 Ohm-Anzapfung bzw. 16 Ohm-Anzapfung).

    Gruß,
    Carsten

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  4. Ups, das sieht aber z.T. wirklich "billig" aus da drinnen, denn simpler gehts wirklich nicht mehr. Uralt Standardelko´s von ROE und Philips (hab ich zu genüge noch neue von in der Wühlkiste), 08/15 Widerstände und Kabelquerschnitte, wo einem z.T. Angst und Bange wird ;-) Selbst die AÜ Ausgänge sind nur mit Klingeldrahtquerschnitten an den LS Klemmen angeschlossen. Auch wenn sie kurz sind, das dämpft trotzdem ordentlich. Zudem sind die AÜ´s wirklich etwas mickrig, reichen aber für diese Leistung aus, wobei sie wohl nicht die Bandbreite haben wie welche mit anderem Kern.
    Puuh, und dafür soviel Geld ausgeben? Wolltest du denn nicht einen Bericht tiefer noch was selber bauen mit Pentoden oder so?
    Für die Kohle hättest du einen Selbstbau-Amp auf die Beine stellen können, der in der absoluten Oberliga mitspielt...aber gut... ;-)

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  5. Hallo Dirk,

    Deine Kritik in Ehren, aber: Nirgends habe ich erwähnt, was ich für die Kombi bezahlt habe, nur, was der damalige Neupreis war. Für den von mir bezahlten Preis baut niemand irgend eine Röhrenkombi.
    Außerdem ist - wie bereits geschrieben - entscheidend, "was hinten rauskommt"...
    ;-)

    Gruß,
    Carsten

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