Donnerstag, 26. Juli 2012

Über das Musikhören... (Follow-up)

Wie versprochen hier nun also als Follow-up das Ergebnis und eine kurze Bewertung der Umfrage aus dem Blog-Post Über das Musikhören..., in welche "Hörerschublade" sich denn jeder stecken würde (pro Schublade wartete jeweils ein Klischee). Zunächst ein herzliches Dankeschön an alle, die bei dieser nicht ganz bierernsten Selbsteinschätzung mitgemacht haben! Bei der Anzahl der Teilnehmer (Sommerloch halt...) ist die Umfrage zwar nicht repräsentativ, aber zumindest indikativ.
 
 
Da Mehrfachnennungen möglich waren, ist die Prozentsumme >100%. Das Ergebnis kann ja jeder selbst lesen, daher möchte ich mir im Folgenden auch nur aus meiner Sicht Bemerkenswertes herauspicken.
   
Entgegen meiner Erwartung scheint immerhin etwas mehr als die Hälfte zufrieden Musik zu hören (Musikhörer...) - das hätte ich ehrlich gesagt nicht erwartet. Dagegen überrascht mich weniger der relativ Hohe Anteil an Rastlosen, gleichwohl man sich überhaupt erst einmal eingestehen muss, dass man rastlos ist, was zunächst eine gewisse Ehrlichkeit sich selbst gegenüber voraussetzt - hier lauert bestimmt noch eine hohe Dunkelziffer ;-). Außerdem tummeln sich auf meinem Blog relativ viele Frickler - immerhin ca. jeder Vierte.

  
So weit so gut, aber weiter: keine Ehefrau (war zu erwarten), kein Nerd (das ist unglaublich - auf jeder Messe wuseln Hunderte), kein Hifi-Blogger (wenn ich mir meine Blogroll so anschaue: hallo, Jungs...?!). Und schließlich: Immerhin 9%, die für sich überhaupt keine passende Schublade gefunden haben. Wie kommt´s? Logisch, einige wesentliche Schubladen hatte ich zunächst unterschlagen, daher gibt´s hier einen kleinen Nachschlag:
  

Der Messwertfetischist
...glaubt nur zu hören, was er auch messen kann. Zu seinem wertvollsten Messinstrument - dem Ohr - hat er das wenigste Zutrauen. Sein Oszi, das Multimeter, das Messmikrophon oder die Simulationssoftware sind ihm heilig. "Alter, guck mal hier, die Messung bestätigt genau, was die Simu vorhergesagt hat - voll das TML-Loch bei 120 Hz, die Box hättste gar nicht erst bauen brauchen, das KANN ja gar nicht klingen!" - "Äh, wir haben doch noch gar nicht gehört, wie sie klingt..." - "Alter, hör auf, das bringt doch nix - hol Du schon mal die Axt, ich mach inzwischen den Kamin an..."
"Und guck mal hier: 5,8% k2 bei 3 Watt, ey, dass du immer noch mit deinen ollen Trioden rummachst. Ich leih´ dir mal mein´ Class D-Amp - wusstest du, dass der ´n Dämpfungsfaktor von fast 4000 hat?"
Nein, das wusste ich nicht.
 
Der Vintagianer
...weiß, dass früher alles besser war - Vintage rules. Die Entwicklung von Hifi hat heuer eine völlig falsche Richtung eingeschlagen, das taugt doch alles nichts mehr. Deshalb besitzt er ja auch einen transistorisierten 70er-Jahre Vollverstärkerboliden. Sein alter Garrard 301 mit Reibradantrieb hat eine famose neue Zarge erhalten, nachdem die gesamte Mechanik generalüberholt wurde. Und wenn andere ihn einen barbarischen Banausen schelten, weil er für Saba Greencones alte Röhrenradios ausschlachtet(e), quittiert er das mit einem beifälligen Achselzuchen. Die Qualitäten seiner DIY-Lautsprecher mit den Sabas sprechen für sich (davon ist er fest überzeugt) und er freut sich außerdem diebisch, dass er kürzlich diesen tollen, alten Denon MC-Übertrager ergattern konnte. Der Vintagianer hat Spaß an Hifi und am Musikhören.
 
Der Raumausstatter
...weiß genau, dass Beton tot und Holz lebendig klingt. Daher hat er sich beim Hausbau auch für eine Holzständerwerkbauweise entschieden, obwohl er außen einen ganz normalen Klinker hat. Ein separates Musikzimmer musste es ja gar nicht sein, dafür aber ein schönes großes Wohnzimmer, in dem er mit seiner Anlage Musik hören wollte. Die Maße entsprechen nahezu dem Goldenen Schnitt, lediglich mit der Zimmerhöhe passt es nicht so ganz. Immerhin. Weiß er doch genau, dass sich die Raummoden auf diese Weise besonders harmonisch und gleichmäßig auf das Frequenzspektrum verteilen, anstatt sich bei einigen ihrer Vielfachen als Superposition besonders prominent hervorzutun.
Parkett war dann wieder aus Gründen der Lebendigkeit (Holz!) beim Fußboden die erste Wahl, obwohl er hier und da noch kleine Läufer oder mittelgroße Teppiche auslegte. Ansonsten montierte er leichte Vorhänge links und rechts der mit Plissee-Stoffen versehenen Fenster. Seine holzbetonte Möblierung ist weder erdrückend noch asketisch, außerdem wird sie von etlichen Pflanzen aufgelockert. Obwohl er auch fast ohne ausgekommen wäre, positionierte er nach einigem Probieren hier und da noch dezent ein paar Diffusoren und Absorberelemente - fertig ist das (nahezu) perfekte "Musikzimmer". Er weiß, dass sich dieser eigentlich überschaubare Aufwand gelohnt hat, ist er doch mindestens die halbe Miete des Wohlklangs, den er nun genießt. Er weiß weiterhin, dass er bei Vernachlässigung der "Ausstattung" des "Hörraums" auch mit dreimal so teuren Lautsprechern klanglich nicht annähernd so weit gekommen wäre - und freut sich.
   
Der junge Familienvater
...hat es von allen am allerschwersten. Windeln, Babybrei, Kinderbett, Wickeltisch, Kinderwagen, der neue Kombi, in den der Kinderwagen auch hineinpasst... Kinder sind sauteuer. Spätestens jetzt dünkt ihm, dass er sich die nächsten drei Jahre die lang ersehnte neue Phonostufe erst einmal von der Backe putzen kann. Na ja, oft ist er ja sowieso viel zu müde zum Musikhören, ständig muss er nachts hoch, wenn das Baby schreit - schließlich wechselt er sich als moderner Vater mit seiner Frau ab. Und abends richtig laut Musik hören geht auch nicht mehr, das wäre ja Stress für das Baby und es braucht seinen Schlaf.
Später dann - Baby kann schon fast laufen - wird es auch nicht besser. Die gestrige Krabbelgruppe zu Besuch hat im Wohnzimmer mit Duplo-Steinen gespielt, wobei leider ein oder zwei dieser Bausteine irgendwie in der Box gelandet sind. Babyarme passen halt durch das Bassreflexrohr, Erwachsenenarme leider nicht, also bleiben die Duplo-Steine nun in der Box. Und in der Seidenkalotte des Esotar-Hochtöners ist zum Glück auch fast kein sichtbarer Knick zurückgeblieben, nachdem Tom diese eingedrückt hatte.
Kommen Sie einem jungen Familienvater nicht mit High-End-Gefasel um die Kurve, er ist schon froh, wenn er überhaupt einmal Musik hört. Aber meistens schläft er abends auf dem Sofa vor dem Fernseher ein.
 
Der Konventionelle
...ist sehr durch den Mainstream konditioniert. Eine Hifi-Komponente muss für ihn eine Breite von 43,5 cm haben - wie es sich gehört; alles andere würde ihn nur irritieren. Schließlich ist genau dieser Platz im Wohnzimmerwandschrank dafür vorgesehen. Er kauft aus optischen Gründen alle Geräte vom gleichen Hersteller A, welche er mithilfe der Beipackstrippen verbindet. Außerdem müssen die Geräte übereinander "stapelbar" sein. Deshalb kann er mit Röhrenverstärkern auch nichts anfangen: Die werden schließlich heiß und außerdem schleichend schlechter (hat er gelesen). Und die haben ja auch "viel zu wenig Watt" und keinen Komfort.
Stress mit seiner Frau wegen großer Standboxen hat er nicht, er findet die passenden Regalboxen vom gleichen Hersteller A nämlich sehr ansprechend. Schließlich passen sie ebenfalls sehr schön in den Wandschrank, dorthin, wo sie hingehören und nicht auffallen: ins Regal.
Zwar wurde die preisgleiche Anlage des Herstellers B im Test klanglich etwas besser bewertet. Aber er hatte sich wegen der besseren Ausstattung und der - für seinen Geschmack - besseren Optik doch für A entschieden. Und er ist ja sehr zufrieden mit seiner Anlage, nicht zuletzt, weil sich alle Komponenten mit einer einzigen Systemfernbedienung steuern lassen. Und mal ehrlich, sooo groß kann der Unterschied zwischen A und B ja gar nicht sein, die klingen auf diesem Level doch alle gleich (gut). Oder?
    
Der Sammler
...leidet unter einer Zwangsneurose, bei dem ihm Hifi oft lediglich als Vehikel dient: Er sammelt, und zwar Röhren, historische Breitbänder, Röhrenverstärker, Tonabnehmer oder MC-Übertrager... Er besitzt oft eine bemerkenswerte Anzahl Pretiosen, für die er aber objektiv betrachtet gar keine sinnvolle Verwendung hat. Er kann ja schlechterdings mit mehreren Breitbändern oder Tonabnehmern gleichzeitig hören. Klar, er hat sie alle schon ausprobiert und empfindet eine tiefe Zufriedenheit bei dem Gedanken, er KÖNNTE sie ja benutzen, wenn er wollte. Gleichwohl ist der Sammler oft auch ein Genießer, der zum Besuch seines guten Freundes sein bestes Triodenpärchen in die Endstufe steckt, so wie andere aus Anlass des Besuchs einen alten Wein dekantieren würden. Der Sammler ist unfähig, ein Sammelobjekt links liegen zu lassen - er MUSS es haben. Doch kaum hat er es in Händen, ist die Befriedigung schon wieder verflogen; er ist ähnlich süchtig wie ein Vampir nach Blut. Und anders als z.B. beim Rauchen gibt es beim Röhrensammeln so gut wie keine Chance, diese Sucht je wieder loszuwerden...
 
Der Perfektionist
...hat mit Hifi ein sehr anstrengendes Hobby. Seinem inneren Zwang folgend werden regelmäßig die Imbusschrauben seiner Tieftöner nachgezogen - selbstredend nicht mit einem vom letzten Möbelbau übrig gebliebenen IKEA-Billigteil, sondern mit einem Drehmomentenschlüssel, der das gleiche Anzugsmoment an allen Schrauben sicherstellt. Über Basics wie die richtige Netzphase seiner Geräte oder die sternförmige Erdung zum Vorverstärker macht er sich längst keine Gedanken mehr; alles längst abgehakt. Dafür prüft er häufig mit dem Zollstock die exakte Position seiner Lautsprecher - und siehe da, die linke Box steht schon wieder 5 mm zu nah an der Rückwand; die Frau wird doch wohl nicht schon wieder beim Staubsaugen...?! Ha! Und auf den Cinchbuchsen ist auch schon wieder viel zu viel Staub - schnell ein Q-Tip und etwas Isopropylalkohol...
Aber das ist ja noch nichts gegen das, was er kürzlich Grauenvolles mit seinem Plattenspieler erlebte: Der steht nämlich immer exakt in Waage. Aber als er wie üblich die Wasserlibelle an den 23 definierten, verschiedenen Stellen auf dem Dreher positionierte, schien jede Position "aus dem Wasser" zu sein, und zwar in unterschiedliche Richtungen! Schließlich bemerkte er den unter der Libelle klebenden Krümel, aber wenn er jetzt an diesen Schock denkt, bekommt er heute noch Gänsehaut. Dagegen war die falsche Auflagekraft, nachdem sich eine dicke Fliege auf die Headshell gesetzt hatte, ja Kinderkram...
Manchmal hört der Perfektionist auch Musik.

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