Samstag, 22. September 2012

Linearisierte Frequenzgänge...

Bereits des Öfteren hatte ich mich darüber echauffiert, dass viele Lautsprecherhersteller die Frequenzgangkurven ihrer Boxen mit Korrekturnetzwerken (Saug- bzw. Sperrkreise, Spannungsteiler zur Pegelabsenkung, Impedanzkorrektur,...) so lange vergewaltigen, bis der Schalldruckfrequenzgang zwar im gesamten Übertragungsbereich nur noch um max. +/- 2 dB schwankt. Diese Linearität erkauft man sich aber um den Preis des Wirkungsgrades - die Empfindlichkeit liegt oft nur noch bei 83 dB/W/m oder sogar deutlich darunter.
 
Das Problem ist in erster Linie gar nicht, dass dieser LS für Röhrenverstärker, insbesondere für Trioden, ungeeignet wäre (denn das ist er tatsächlich), sondern dass der Klang im Filternetzwerk "hängen bleibt". Die genauen technischen Gründe zu erläutern würde an dieser Stelle zu weit führen; vielmehr rückt automatisch ein zweiter wesentlicher Aspekt in den Fokus: Durch die geringe Empfindlichkeit "verschluckt" der Lautsprecher kleine Impulse - feinste Details werden unsauber oder gar nicht wiedergegeben, das Klangbild "klebt" oft am Chassis. Diese Phänomene treten nach meiner Erfahrung übrigens preisklassenunabhängig auf, ich habe schon einige Kandidaten im fünfstelligen Eurobereich erlebt, die sich in dieser Disziplin Totalausfälle erlaubten (ein womögliches Paradoxon ergibt sich hier aus dem Frequenzweichen-Bauteilegrab selbst, welches wegen seiner vermeintlich "high-endigen" Bauteilequalitäten den Preis überhaupt erst in in diese hohen Regionen treibt). Da kann auch ein noch so potenter Zig-hundert-Watt-Verstärker nichts mehr heilen...
 
Der dritte wesentliche Punkt betrifft den Hörraum, in dem der LS mit seinem schnurgeraden Frequenzgang spielt: Dieser macht aus dem "Lineal" sowieso wieder eine "Achterbahn"... Das soll ja gar nicht heißen, dass man sich bei der Lautsprecherkonstruktion nicht die Mühe machen sollte, zu starken Verfärbungen führende "Badewannen" im Schalldruckfrequenzgang zu vermeiden. Einen wesentlichen Beitrag zur relaxteren Sicht der Dinge kann aber das Buch Lautsprecher - Dichtung und Wahrheit leisten. Dieses alte - nichtsdestotrotz weiterhin sehr gültige - Buch von G. Schwamkrug/R. Römer, erschienen im Elektor Verlag, gibt es unter dem obigen Link als freien Download (>30 MB Dateigröße!); meines Wissens ist dieses Buch im Handel nicht mehr erhältlich.
       
  
Es erklärt sehr anschaulich verschiedene raumakustische Zusammenhänge und lässt deutlich werden, dass eine vernünftige "Abstimmung" des Hörraums auf einen Lautsprecher genauso wichtig ist, wie die Abstimmung des Gehäuses durch den Boxenkonstrukteur auf die eingesetzten Chassis. Da relativiert sich sehr schnell der eine oder andere "Ausreißer" im Schalldruckfrequenzgang einer Box, der ja ach so verfärbt; die "Glattbügelwut" einiger Konstrukteure mutet umso unverständlicher an...
 
Ich möchte das Buch jedem ans Herz legen, der sich intensiver mit den Themen Raummoden, Lautsprecherpositionierung, Hörposition, Schalldruckfrequenzgang im Hörraum & Co. befassen möchte - eine der besten Publikationen auf diesem Gebiet überhaupt!

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