Montag, 15. Oktober 2012

Ohne Röhre: Nuforce Icon Amp

Beim Bau von Lautsprechern besteht häufig die Notwendigkeit, diese in den verschiedensten Räumlichkeiten - auch in staubigen, für Röhrenverstärker bisweilen unwirtlichen Werkstattumgebungen - "schnell mal eben" zu testen. Dafür ist eine Röhre nicht nur oft zu schade, sondern auch einfach zu schwer und zu empfindlich, also musste eine Alternative her - hier bot sich der Nuforce Icon Amp an. Aber dazu im Folgenden mehr.

In meinem high-fidelen "Früher" - Ihr "Früher" mögen die 1970er-Jahre gewesen sein, für die Jüngeren unter Ihnen vielleicht die 1990er- oder 2000er-Jahre, für mich waren es die frühen 1980er-Jahre - war die Verstärkerwelt viel einfacher. Die zumeist japanischen, mit allem Schnick und Schnack ausgestatteten transistorisierten Geräte im Ein- und Aufsteigersegment folgten innerhalb einer Produktlinie klaren Bezeichnungen, die nicht selten mit der Nennleistung oder dem Preis korrelierten. Oberhalb dessen war eine überschaubare Anzahl fetter Boliden US-amerikanischer, europäischer oder eben asiatischer Provenienz angesiedelt, deren äußeres Erscheinungsbild oft geeignet war, ein deutliches Mehr an Klangqualität zu suggerieren (obschon Preis und daran gekoppelte Ambitionen nicht selten eine eher hinkende Liaison eingingen). Wirklich lässige Zeitgenossen hingegen stellten sich einen puristischen britischen Class A-Amp hin, auch wenn der nach 500 Betriebsstunden schon mal abrauchte... Und Röhrenverstärker? Nur die mutigsten unter den Hi-Fi-Redakteuren wagten es damals überhaupt, für diese Gerätschaften eine Lanze zu brechen. So war das damals. Oder so ähnlich, jedenfalls in meiner Wahrnehmung.

Heute ist alles anders, viel komplizierter: Jedes Gerät hat einen ausgefallenen, häufig der Sagen- oder Götterwelt entliehenen Namen; es gibt passive Vorstufen, Vollverstärker-Hybride, Schaltverstärker, Verstärker in SMD-Technologie, Röhrenverstärker allerorten (sowie deren chinesische Replikate) - oder auch Class D-Verstärker. Dieser recht jungen Spezies zugehörig ist auch der Proband, um den es hier geht: der Nuforce Icon Amp.
   
 
Form follows function: Schlichtes Design, reduziert auf ein puristisches Minimum
  
Die Class D-Technologie ist längst fester Bestandteil der Hi-Fi-Szene, alle Kinderkrankheiten wie z.B. erhöhte Rauschneigung oder sensibles Reagieren auf niedrige Impedanzen sind bei modernen Geräten weitgehend ausgemerzt und der hohe Wirkungsgrad um die 90 Prozent erfüllt freilich jede Energieeffizienz-Verordnung. Fast scheint es, als hätte diese Technik Transistor & Co. nicht nur aufgemischt, sondern längst rechts überholt...

Bei dieser mit Pulsweitenmodulation arbeitenden Verstärkertechnik handelt es sich übrigens nicht um Digitalverstärker, wie das Class D (wie digital) vordergründig nahelegt. Die Amplitude des analogen Eingangssignals wird stufenlos erfasst und in Rechtecksignale ("Pulse") umgesetzt. Diese Pulse haben alle die gleiche Höhe, aber eine unterschiedliche, stufenlose Länge - damit sind die Signale immer noch analog, weil sie nicht quantisiert, also nicht gerastert sind. Nach der Verstärkung werden die Pulse des Ausgangssignals per Tiefpassfilter, welches üblicherweise gleich knapp oberhalb von 20 kHz ansetzt, eliminiert und übrig bleibt das verstärkte, analoge Signal. Doch genau hier liegt eine Achillesferse dieser Technik: Das passive Tiefpassfilter benötigt eine feste Abschlussimpedanz, die aber durch die Lautsprecherimpedanz natürlich nie gegeben ist. Daher hängt vor allem im Hochtonbereich der Frequenzgang des Verstärkers von der Lautsprecherimpedanz ab.

Nun ist Nuforce keine Unbekannte mehr, und einigen Geräten der kalifornischen Schmiede werden geradezu sagenhafte klangliche Eigenschaften nachgesagt. Eine technische Besonderheit bei Nuforce ist, dass man einen Weg gefunden hat, den Lautsprecher bzw. dessen Impedanz mit in die Tiefpassfilterschleife einzubeziehen und sich so der vorgenannten Achillesferse zu entledigen, sprich: Der Frequenzgang des Verstärkers ist unabhängig von der Lautsprecherimpedanz. Grund genug also, auch den bereits seit geraumer Zeit am Markt vertretenen kleinsten Spross der Familie endlich einmal genauer unter die Lupe zu nehmen!

Der Icon Amp gehört zur sogenannten Desktop-Serie der Kalifornier und ist damit scheinbar eher darauf ausgelegt, für gewissen Wohlklang am Arbeitsplatz oder auf dem heimischen Schreibtisch denn im Wohnzimmer zu sorgen. Und was kann man wohl schon für gut 200 € erwarten...?! Nun, als Anschlusswunder wird das kleine Kästchen auch kaum durchgehen. Es verfügt lediglich über einen Hochpegeleingang - immerhin anständige, vergoldete RCA-Buchsen. Ausgangsseitig nimmt der Verstärker Bananas in Richtung Lautsprecher auf, bis auf die Buchse für das Netzteil war es das dann auch schon auf der Rückseite des Gerätes. Auf der Vorderseite befindet sich lediglich der Lautstärkeregler - that´s all, Folks.
   
 
Kein Anschlusswunder...
   
  
Kompakter geht´s nimmer – das Gerät ist kaum größer als das Netzteil
    
Wer – wie ich - nicht mehr als eine Signalquelle betreibt bzw. für den vorgesehenen Zweck benötigt, wäre ja dennoch ausreichend bedient und dürfte sich über einen Verstärker freuen, der bei senkrechter Aufstellung per Standfuß einen extrem geringen Platzbedarf aufweist. Nur bitte keine schlauchdicken Kabel verwenden, denn sonst wird das kleine, leichte Kerlchen womöglich glatt vom Rack gezogen. Da der Icon Amp 18 Watt Nennleistung an acht Ohm bereitstellt, scheidet lautsprecherseitig die Stromsäuferfraktion selbstredend aus; gut 90 dB Empfindlichkeit pro Watt und Meter sollten es da schon sein.

Was der Nuforce dann allerdings zu leisten im Stande ist, lässt mich bisweilen erstaunt die Kinnlade runterklappen: Er verfügt über ein ausgesprochen ausgedehntes Frequenzspektrum an beiden Enden, steigt tief in den Keller und erklimmt mühelos höchste Frequenzgipfel. Diese Wahrnehmung mag ein Stück weit dem Umstand geschuldet sein, dass ich eher Röhren-konditioniert bin und Single Ended Trioden im direkten Vergleich in dieser Disziplin womöglich doch etwas limitiert sind. Gerade im Basskeller besticht der Icon Amp durch straffe Kontrolle und Schnelligkeit – tiefe Töne gibt er mit Akkuratesse und Substanz wieder, bläht sie aber niemals auf, sondern liegt tendenziell ganz leicht auf der schlanken Seite. Dem farbig-federnden Bassbereich einer guten Triode setzt er einen schlackenfreien Tiefgang entgegen.

Bei Rockmusik besitzen scharf angerissene Gitarrensaiten den richtigen stählernen Glanz („mit ordentlich Fleisch“); dabei verfügt der Nuforce über ein sehr hohes Auflösungsvermögen, ohne jedoch analytisch zu sezieren. Feinste Details und nuancierte Strukturen in der Musik kontrastieren vor einem rabenschwarzen Hintergrund - hierfür scheint mir das sehr geringe Rauschniveau ein ganz wesentlicher Grund zu sein. Der Icon Amp spielt wie aus einem Guss, lässt mich Platte um Platte auflegen und stellt sich völlig in den Dienst der Musik. Hier wird nichts geschönt, nichts weggelassen oder hinzugefügt – von Euphonie keine Spur. Gut so! Dabei ist dieser Kalifornier alles andere als langweilig, sondern er „spielt“ die Musik im besten Sinne des Wortes.

Eine interessante technische Eigenart - womöglich charakteristisch für die Class D-Technik - möchte ich nicht unerwähnt lassen: Bringt man diesen Verstärker nahe an seine Leistungsgrenze (was mit wirkungsgradstarken Lautsprechern allerdings fast unmöglich ist, ohne einen Gehörschaden davonzutragen), passiert - nichts. Wo ein Transistor bereits ins "Clipping" geht und eine Röhre nur noch für pfützenflache Dynamik gut ist, lässt dieser Class D-Amp immer noch die Muskeln spielen. Erst ganz am Ende seiner Reserven bricht er abrupt ein und klingt dann etwas harsch, leiser, beengter. Rein subjektiv scheint er damit die zur Verfügung stehende Leistung in Form eines größeren nutzbaren Headrooms einfach besser auszunutzen.

Was aber kann diese kleine Ikone nicht? Nun, das letzte bisschen Souveränität und eine richtig große Bühne fehlen ihr dann doch. Das war bei diesem Preisniveau auch nicht zu erwarten. Geschenkt, sage ich, um gleichsam folgende Relativierung hinterherzuschicken: Wer die Anschaffung eines vielfach teureren Verstärkers - ganz gleich, ob Röhre, Transistor oder was auch immer - plant, der möge sich diesen Nuforce unbedingt im direkten Vergleich anhören. Die Chancen auf herunterklappende Kinnladen stehen ziemlich gut.

Wer den Nuforce Icon Amp für seinen originären Einsatzzweck verwendet – als Verstärker für eine kleine Schreibtischanlage – wird kaum ein besseres Gerät zu diesem Kurs finden, freilich wirft er so Perlen vor die Säue. Vielmehr erlaubt der Icon Amp für lange Zeit (vermutlich weit länger als gedacht!) sehr zufriedenes Musikhören, wenn bei begrenztem Budget der Großteil zunächst besser in Quelle und Lautsprecher investiert wird. Nicht zu vergessen die diebische Freude, wenn man ihn im Bekanntenkreis flugs aus der Tasche zaubert und er in fremden Setups für Erstaunen oder sogar Tränen in den Augen sorgt, indem er selbst gestandenen Größen hier und da mal kräftig in den ach so high-fidelen Allerwertesten tritt.

 
Der Icon Amp als Röhren-Killer also? I wo! Gegen den Charme einer feinen Triode kann die Class D-Technik dann doch nichts ausrichten, zumindest ich bin dagegen immun... Aber deshalb sind Seitenblicke hier und da ja dennoch erlaubt, und sei es nur, um die eigene Einordnung der Röhrentechnik einmal einem Update zu unterziehen.

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