Freitag, 19. Oktober 2012

Produkte, die die (HiFi-)Welt nicht braucht

Jetzt reicht´s, wirklich. Glaubte ich kürzlich in meinem Beitrag Über das Musikhören noch, der "Spirituelle" gehöre einer Randgruppe an, muss ich mein Urteil nun nach einigen Recherchen im Netz wohl revidieren. Ich stolperte über eine Fülle von Nonsens-Produkten, bei denen es augenscheinlich nur darum geht, potenzielle Kunden abzuzocken. Das Schlimme daran ist, dass es offenbar einen Markt für solche Produkte geben muss, folglich auch Kunden, die diesem Auswuchs der Scharlatanerie auf den Leim gehen (leider).
 
Dieser Sachverhalt ist womöglich eine periphere Folge unserer gesellschaftlichen Veränderung, in der sich die soziale Schere weiter und weiter auseinander bewegt: Die Mittelschicht bricht weg, immer mehr Menschen verfügen über sehr Wenig, andererseits gibt es eine wachsende Anzahl derer, die über ein außerordentliches Vermögen verfügen. Darum geht es mir hier aber gar nicht - ich bin weder Gesellschaftswissenschaftler noch Politiker, auch wenn ich hierzu eine Meinung habe. Des Pudels Kern scheint mir zu sein, dass eine stetig wachsende Personenzahl so viel Geld zur Verfügung hat, dass es Ihnen egal ist, wofür sie ihr Geld ausgeben, und sei es für vorgenannte Nonsens-Produkte. Ich betrachte den Sachverhalt im Folgenden aus der Sicht eines pragmatischen Ingenieurs, dem es gegen den Strich geht, dass einige schwarze Schafe der Branche womöglich nachhaltigen Schaden zufügen.
 
Es ist schlicht unmöglich, an dieser Stelle in Gänze auf den ganzen Mist einzugehen, der da angeboten wird (und ich will diesem auch nicht mehr Platz als nötig einräumen), daher werde ich mich auf einige exemplarische Produkte beschränken. Ich werde mich hüten, die Produkte direkt zu verlinken, allerdings sind diese recht leicht zu "googlen". Ich werde nicht einmal mehr auf die diversen profanen Klangschälchen eingehen, die es an jeder Ecke gibt - durchaus vorstellbar, dass diese in der Tat durch Lautsprecherschall zum Resonieren angeregt werden. Und wem es gefällt, dass es für einen bis zu fünfstelligen Eurobetrag in seinem Hörraum via diverser Bronze-, Silber-, Gold- oder Platinschälchen ordentlich klingelt - bitteschön, ihr habt meinen Segen.
 
Besonders bemerkenswert fand ich aber eine "Klangschatulle", in die CDs auf eine darin befindliche, elektrisch leitende Schaumstoffmatte gelegt werden können. Mittels Erdungskabel mit der elektrischen Masse eines CD-Spielers verbunden, werde so die unerwünschte statische Aufladung der CD "entsorgt", die Fehlerkorrektur des CD-Spielers brauche weniger eingreifen und der Klang, nun... Beim Schließen des Schatullendeckels für fünf Sekunden werde das Klangbild voluminöser und die Klangfarben intensiver. Nach einer Schließzeit von zehn Sekunden sei gar eine gesteigerte Auflösung zu erwarten. Übrigens sollte beim "Entladevorgang" nicht versäumt werden, den Messingbeschlag des Deckels zu berühren - das unterstütze den Prozess. Außerdem sollte jede CD vor dem Abspielen einige Sekunden lang auf Fichtenholz gelegt werden, das bringe noch mehr klangliche Natürlichkeit. Ähnliche Effekte seien mit Bergkristallen zu erzielen - daher seien die Hohlräume der Klangschatulle mit eben solchen Steinchen befüllt. Diese sind zum Glück im Preis von 470 EURO bereits enthalten - na, da bin ich aber beruhigt. Leider höre ich keine CDs, sondern nur Vinyl. Aber eine größere Schatulle für unser schwarzes Gold folgt bestimmt bald für einen vierstelligen Betrag...
 
Ein anderes interessantes Produkt ist ein magischer Power-Animator - eine vollkommen neue und bahnbrechende Technologie. Er arbeite im "submolekularen Bereich", bewirke eine positive Beeinflussung von leitfähigen Materialien und wirke damit auf sämtliche von Netzstrom durchflossenen Kabel und Bauteile einer Audio Anlage. Gleichzeitig würden auf die mit dem Gerät verbundenen Stromkreise "energetische Informationsmuster" übertragen und verleihen der Musik natürliche Klangeigenschaften, und zwar durch „Harmonisierung der Leiterstruktur". Die kleine Kiste muss dazu nur an den Stromkreis angeschlossen werden, an dem auch die HiFi-Anlage hängt. Immerhin kann der Kunde das Zeug zwei Wochen kostenlos zu Hause testen, bevor er endgültig bis zu 2.500 EURO für alle möglichen Animatoren überweist. Eine handfeste Erklärung der technischen Wirkungsweise erhält der Kunde mit dem Kaufpreis aber nicht.
 
Und für all diejenigen unter Ihnen, für die Holzklötzchen, Harmonizer und Steinchen ein alter Hut sind, die erklimmen neue Sphären mit einem Produkt namens Hallograph. Zwei Dinger auf jeweils eigenem Ständer, die an eine mannhohe, überdimensionale Holzgabel erinnern (oder eher an eine hübsch gemachte Mistforke), werden hinter den Lautsprechern in den Raumecken positioniert und auf den Hörplatz ausgerichtet. Sie emittieren angeblich 180° phasengedrehten Schall und löschen so den von den Wänden reflektierten Fehlschall durch Interferenz aus. Oha! Na ja, dass diese Riesengabeln vermeintlich Reflexionen zweiten und n-ten Grades mindern und so das Klangbild deutlich zusammenhängender und räumlich gestaffelter entstehen lassen, erspare ich Ihnen. Für 1.600 Bucks aber ein echter Schnapper.
    
  
Hatte ich erwähnt, dass ich derzeit selbst an einem Gravitations-Animator auf Basis des Higgs-Bosons arbeite? Dieser wird dann Ihren Plattenspieler zu nie geglaubter Performance animieren. Sollte ich diese in Teilen gefährliche Entwicklungsarbeit überleben, werde ich Ihnen ein Produkt anbieten können, dass Sie vom Hocker hauen wird - so locker und luftig wird Ihnen das Klangbild erscheinen. Hier fließen Erkenntnisse aus der Arbeit des CERN ein, so dass ich selbstredend zur Verschwiegenheit hinsichtlich der technischen Wirkungsweise verpflichtet bin. Da ich aber nur am Wohl des Kunden interessiert bin und nicht an meinem eigenen Geldbeutel, bin ich bemüht, den Endpreis für Sie als Kunde nach Möglichkeit vom derzeitig kalkulierten sieben- auf einen sechsstelligen Eurobetrag zu drücken - das Gerät wird jeden Cent wert sein. Stay tuned!

Nachtrag vom 26.10.2012:
Ausgerechnet in der heute erschienenen Ausgabe 6/2012 der Fidelity besprechen sowohl Ingo Schulz als auch Roland Kraft oben erwähnte Klangschatulle in der Rubrik "Area 51". Zufälle gibt´s...
 
 

Kommentare:

  1. Soviel Ablehnung, das ist nicht gerecht !
    Da haben Menschen gelitten (was auch immer sie zu sich genommen haben) und haben die Schatulle
    (irgendwie doppeldeutig, oder ?) mit Sarah Brightman (OK, ist Geschmacksache) "getestet" (Zitat: "... bekamen die Instrumente mehr Luft untereinander, ...Stimme wirkte zarter, ohne an Timbre oder Größe einzubüßen. Nach dem Zurücksetzen der CD in den Urzustand wirkte die Stimme dagegen rauer ..., dass man sich audiophilen Hörgenuss ohne die Klang & Kunst Schatulle gar nicht mehr vorstellen will.").
    Als Schmerzensgeld für diese Pein sind 470,-€ nun wirklich angemessen !!
    Eine Frage noch zum Gravitations-Amnimator:
    Hat das Auswirkungen auf die Auflagekraft an meinem rüstigen TD126 ?
    Wenn ich das am Koshin korrigieren kann, bin ich dabei ...

    Bis dahin lege ich noch 'ne LP auf und wünsche uns ein klangvolles Wochenende, Udo

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  2. Hallo Udo,

    mein Gravitations-Animator wird keinerlei Auswirkungen auf die Auflagekraft haben - egal, bei welchem Dreher!
    Versprochen!
    ;-)

    Gruß,
    Carsten

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  3. Das ewige Diskussionsthema: Zubehör und dessen Nützlichkeit.

    Ich gehe mit meinem Kommentar auf keines der oben genannten Produkte ein, sonder möchte dazu nur mal eine eigene Erfahrung schildern, die für mich ein Schlüsselerlebnis darstellt.

    Die Frage, ob ein bestimmes Zubehör nutzlos ist oder ob man dessen klangliche Auswirkung hören kann, ist ganz klar abhängig davon, ob in dieser Anlage, in der der Höreindruck entstehen soll, ALLE notwendigen Parameter wirklich beachtet und behoben sind. Ich war nun schon immer wieder bei Kunden und habe zum Beispiel mit Stolz geschwellter Brust unser bestes Kabel mitgebracht und vorgestellt - Vovox Textura Lautsprecherkabel ist nun wahrlich kein schlechtes. Leider immer wieder muss ich feststellen, dass sich die Klangqualität, die dieses Produkt "kann", nicht abbilden lässt (also zum vorhandenen kein Unterschied darstellen lässt), da zum Beispiel alte Kondensatoren in alten Lautsprecherweichen enthalten sind. Oder Geräte so alt sind, dass diese einfach nicht mehr sauber zeichnen. Tonale "Mängel" oder Eigenheiten lassen wir mal außer Betracht - die sind zwar auch störend, aber nicht für die Beurteilung von zum Beispiel besagtem Kabel wichtig.

    So - was mache ich denn nun - wenn ich dem Kunden viel über das Kabel erzählt habe, eine Erwartungshaltung aufgebaut habe, die schier grenzenlos ist, und dann hört nicht nur der Kunde keinen Unterschied, sondern ich auch nicht. Das ist peinlich - aber nicht zu vermeiden. Die Erklärunden, die dann notwendig sind, werden meist nicht verstanden, da der Kopf des Kunden so "zu" ist, dass dieser meint, mein Kabel sei ein schlechtes - und ich ein Beutelschneider.

    Ich möchte die Geschichte gar nicht zuende erzählen, sondern nur mal so für die Leute unter uns diese Gedanken hier zur Diskussion stellen, damit sich mal die Situation auch aus einer - möglicherweise völlig neuen Sicht - darstellt und man einfach mal aus einer anderen Perspektive auf diese Gedanken schauen kann.

    Wir führen hier bei uns in der Firma vor, welche Unterschiede wie wichtig sind - damit sich der Kunde einen Eindruck machen kann davon, was für IHN wichtig und relevant scheint und was nicht. Was ich täglich höre und trainiere, kann der Kunde nämlich gar nicht - es sei denn, er hört sehr viel Vergleichend Musik, weil er zum Beispiel selber viel verändert an seiner Anlage oder dergleichen.
    Ob jetzt Mistgabeln aus Holz den Klang einer Anlage verändern oder nicht, sei mal dahingestellt. Aber Zubehör zu bewerten, ohne es wirklich aussagefähig selber getestet zu haben, ist gefährlich. Ich kenne etliche Ingenieure, die alle meinen, dass etwas nicht funktionieren kann (bzw. darf), was sie mit ihren genauso kleinen Geistern wie meiner es ist nicht begreifen. Zuzulassen, dass etwas wirkt, auch wenn man nicht genau durchdringen kann, wie es funktioniert, fällt vielen (auch nicht-Ingenieuren) schwer.

    Wie sieht es bei Ihnen aus? Können Sie meinen Gedanken zumindest folgen?

    Gruß vom Klangmeister

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  4. Hallo Herr Stracke,

    danke für Ihren umfassenden Kommentar, dessen Inhalt ich durchaus teilen kann. Ich will unumwunden einräumen, dass ich mit obigem Artikel auch provozieren wollte. Dabei ging es mir allenfalls sekundär überhaupt um die Frage, ob ein bestimmtes Zubehör "hilft" oder nicht. Ich stoße mich primär an zwei aus meiner Sicht ganz wesentlichen Punkten:

    1) Ein Entwickler muss in der Lage sein, mindestens in groben Zügen die Funktionsweise seines Gerätes erläutern zu können, ohne dass er dabei gleich alle "Geheimnisse" verrät. Das verlangt niemand. Aber vordergründiges esoterisches Gesülze ist für jemanden, der sich mehr als nur aus Hobby mit Relativitätstheorie und Quantenphysik befasst hat, absolut unerträglich. Dummes Zeug wie "energetische Informationsmuster", die im "submolekularen Bereich" wirken - da wird mir wirklich schlecht. Und anschließend werde ich sauer darüber, wie sehr Leute für dumm verkauft werden sollen.

    2) Ich gönne jedem Entwickler seinen Gewinn beim Verkauf seiner Produkte. Jedoch sollten eingesetztes Material, Fertigungs- und Entwicklungsaufwand in einem irgendwie nachvollziehbaren Zusammenhang zum Endpreis stehen - das kann ich bei fast allen dieser esoterischen Produkte nicht annähernd erkennen. Für mich ist das Garnieren überteuerter Produkte mit (den Preis rechtfertigendem) Esoterik-Gelaber Abzocke unter Ausnutzung der Gutgläubig- oder Ahnungslosigkeit der Kunden. Meine Wertvorstellungen sind an dieser Stelle eben stark von hanseatischem Kaufmannstum geprägt - dieses ist m.E. deutlich nachhaltiger als vorbeschriebene Oberflächlichkeit, schadet der Branche nicht und stünde jedem gut zu Gesicht, unabhängig davon, wo er herkommt oder angesiedelt ist.

    Ich fand einfach, es war einmal an der Zeit, zu diesem Thema ein klares Statement abzugeben. Mir war es jedenfalls eine Herzensangelegenheit; fürderhin könnte sich keine Print-Publikation so viel Offenheit erlauben.

    Viele Grüße,
    Carsten Bussler

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  5. Ich habe sämtliche Leitungen durch Bakterien ersetzt. Der Klang ist viel lebendiger!
    Siehe:
    http://www.gmx.net/themen/wissen/tiere/629ts5q-strom-leitende-bakterien-meeresboden-entdeckt

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  6. Ich finde es wahnsinnig lustig, wie das Ganze parodiert wird. Da gibts "Häkelschweine" oder "Klangtuning durch Katze". Das Hifi-Forum hat sogar eine Voodoo-Sektion in der diese Sache diskutiert werden können.
    Einfach mal googeln und schmunzeln. Aber es sei jedem das gegönnt, was er für gut befindet.

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  7. Ich kann mir auch meinen eigenen Kackhaufen auf meine Lautsprecher oben rauf legen, das erweiterte Klangpotential dauert dann so lange an, bis es abkühlt.
    Diesem Phänomen entgegenzuwirken, hilft éin Haarföhn, um o.g. Tuning Maßnahme wieder auf Temperatur zu föhnen.
    Dieses wirklich ereignisreiche Tuning kann beliebig oft, je nach eigener Stoffwechsel Produktion erneuert werden und läuft sogar unter dem Wort ökologische Bioproduktion in eigener Sache.
    Dagegen ist bisher noch nicht hinreichend erforscht, inwieweit die eigene Nahrungsaufnahme in Abhängigkeit der Güte der Nahrung, des jeweiligem Endprodukt, den Klang fördert.
    Getestet wurde allerdings nur in eigener Sache.
    Auf irgendwelche anderen Sch***produkte, diverser anderer Hersteller bzw. deren Endprodukte verzichte ich.

    Und genau wg. o.g. Zeitschrift(en) die solch einen Schei* immer und immer wieder testen (testen?), verzichte ich auch seit Jahren auf derartige Blätter.




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