Samstag, 9. März 2013

Die Fernbedienung

"Als Fernbedienung bezeichnet man üblicherweise ein elektronisches Handgerät, mit dem sich über kurze bis mittlere Entfernungen (…) Geräte oder Maschinen bedienen lassen", definiert Wikipedia. Diese profanen kleinen Dinger, die meistens verschwunden oder kaputt sind oder leere Batterien haben, werden von einigen Zeitgenossen sogar als "Macht" bezeichnet. Bizarr. Jeder Haushalt verfügt über diese kleinen Befehlsgeber für Fernseher, Videogerät, HiFi-Anlage, Thermostat, Innenbeleuchtung, Garagentor, Jalousien oder Auto (um nur einige Anwendungen zu nennen) – einzig Klospülungen sind meines Wissens noch nicht fernbedienbar, aber das kommt bestimmt auch bald.
   
   
Zenith Space Commander 600; Bildquelle: Wikipedia
  
Die ersten 1948 in den USA (wo sonst?) entwickelten Fernsehfernbedienungen konnten via Kabelverbindung lediglich das Bild vergrößern oder verkleinern; das zwei Jahre später von der Zenith Radio Corporation entwickelte Gerät war zwar ebenfalls kabelgebunden, konnte aber schon Programme umschalten und trug den bezeichnenden Namen "Lazy Bones", Englisch für "Faulpelz". Und das ist auch schon des Pudels Kern (vielmehr einer von vielen): Fernbedienungen sind etwas für Faulpelze. Für bequeme Zeitgenossen. Für Leute, die Blended Whiskey trinken anstatt Single Malt. Für Dieselhandschuhtanker und Brezlsalzabkratzer.
 
Nun geht es ja gar nicht per se darum, bequeme, faulpelzige Blended-Whiskey-Trinker zu diskriminieren, nur weil sie zu faul zum Aufstehen sind, um per Hand die Lautstärke am Verstärker zu regulieren - um so einen zumindest symbolischen, wenngleich zugegeben eher kleinen Beitrag gegen die Verfettung unserer Gesellschaft zu leisten. Es geht vielmehr um eine Geisteshaltung.
 
Die Befehlsgabe via Fernbedienung geht nämlich viel schneller als die manuelle Bedienung der Geräte. Sie zeugt in gewisser Weise also von einem dem heutigen Zeitgeist entsprechenden Konsumverhalten, in dem auch Musik nur noch konsumiert und verramscht anstatt bewusst angehört und genossen wird. Das ist vergleichbar mit den Unterschieden zwischen CD bzw. Musikserver und der guten alten Schallplatte: Auf der einen Seite erlaubt die Fernbedienung der CD oder des Musikservers das bequeme "Zappen", wenn ein Musiktitel oder -abschnitt vordergründig nicht gefällt, andererseits hört der Vinylfan seine Langspielplatte ganz bewusst komplett und erlebt oft den Effekt des Neuentdeckens wenig gehörter Stücke.
 
Der Prozess der Entschleunigung, des bewussten Sich-darauf-Einlassens, Raum und Zeit beim Musikgenuss um sich herum zu vergessen, wird mit der Fernbedienung in der Hand unmöglich. Das hektische Gedrücke auf der kleinen Tastatur lässt es schon rein statistisch gesehen viel wahrscheinlicher werden, dass ich irgendwann den Standby-Knopf drücke und mich frage ´So, und was läuft in der Glotze?´.
  
Das bringt uns zu einem weiteren wesentlichen Aspekt, nämlich dem des fehlenden haptischen Moments. Meistens sind Fernbedienungen billige Plastikteile, oft sogar auch bei teuren High End Geräten. Ein Genuss ist das Drücken dieser kleinen Gummiknubbel wahrlich nicht, auch wenn sich anschließend der überdimensionierte, satt verchromte Pegelregler mit blauer LED an Herrn Neureichs Bling-Bling-Protzamp wie von Geisterhand dreht. Aber es ist schon etwas anderes, wenn ich mich persönlich vor den Altar meines Plattenspielers begebe, dem massigen Plattenteller vielleicht sogar noch einen liebevollen Anschwung-Schubser gebe, bevor ich von Hand den Tonarm auf die Platte setze. Um anschließend wieder per Hand (man führe sich das einmal vor Augen: wie viel Arbeit, wie viel Umstand!) das Poti am Röhrenverstärker in die richtige Position zu drehen und nebenbei schnell noch einen Blick auf die orange-rot glimmenden Kolben zu werfen. Das ist sinnlicher Genuss, quasi wie eine Art Vorspiel vor dem eigentlichen Musikhören. Oder, wenn Ihnen das zu schlüpfrig formuliert war, ähnlich wie bei einem Gourmetessen – hier isst das Auge schließlich auch mit.
  
Eine Fernbedienung distanziert mich auf Dauer rein räumlich von meinen Komponenten und wie in der Liebe schadet die dauerhafte Distanz der Beziehung. Wenn Sie nun behaupten, Sie hätten gar keine Beziehung zu Ihren HiFi-Geräten – bitteschön, selbst Schuld. Mir käme jedenfalls niemals eine Komponente mit Fernbedienung ins Haus, nicht einmal eine, die eine entsprechende Vorbereitung hätte und/oder bei der ich den Geber doch einfach im Karton lassen könnte. Ich brauche nicht noch mehr Symbole der Weicheierei im Haus, schon gar nicht bei meinem liebsten Hobby. Und zum Musikhören trinke ich einen Single Malt. Prost.

Kommentare:

  1. Carsten,

    großartiges Statement und ein literarischer Hochgenuss!

    Liebe Grüße,
    Peter

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  2. Hallo Peter,

    vielen Dank für die Blumen!
    :-)

    Gruß,
    Carsten

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  3. Hi Carsten, jetzt hast Du mich aber fertiggemacht ;-).
    Ich kann nichts dafür, daß ich faul bin - aber versprochen - ich werde mal auch eine Vorstufe ohne FB bauen. :-)

    Gruß
    Björn

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    1. Hi Björn,

      als eingefleischter DIY´ler bist Du mit Deinen Pretiosen glaube ich über jeden Zweifel erhaben, was die "persönliche Beziehung" zu Deinen Komponenten betrifft...
      Daher werde ich in diesem Fall ausnahmsweise großzügig über Deine Faulheit hinwegsehen und Dir Deine FB gönnen!
      ;-)

      Gruß,
      Carsten

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