Montag, 1. April 2013

Audiokabel - Voodoo oder Wissenschaft? Eine etwas andere Sicht der Dinge zum Thema Kabelklang



Ob in Internetforen, Zeitschriften, Prospekten oder gar am HiFi-Stammtisch: Kaum etwas wird im HiFi-Sektor so kontrovers diskutiert wie das Thema "Kabelklang", hier scheiden sich offenbar die Geister so sehr wie sonst nirgends. Die eine Fraktion negiert den Einfluss von NF-Kabeln, Lautsprecherkabeln & Co. auf das klangliche Ergebnis völlig; Beipackstrippe oder 2,5 mm2 Kupferlitze aus dem Baumarkt stehen hier recht hoch im Kurs. Andererseits gibt es nicht wenige, die Kabeln sogar Komponentenstatus zubilligen, man stelle sich das einmal vor!

 
Für mich persönlich ist die Beschäftigung mit Kabeln und deren "Klang" seit nunmehr über zwei Jahrzehnten gezwungenermaßen eine Art Hassliebe. Gezwungenermaßen, weil alle Komponenten nun einmal mit diesen vermaledeiten Strippen verbunden werden wollen und Hassliebe deshalb, weil im Gegensatz zu "echten" Komponenten kaum eine halbwegs zuverlässige Vorhersage möglich erscheint, ob ein Kabel in der eigenen Kette funktionieren wird oder nicht. Außerdem langweilen Kabel mich schlichtweg (laut Aussage meines HiFi-Psychiaters vermutlich eine Form der Verdrängung, um sich nicht mit einem komplexen Sachverhalt auseinander setzen zu müssen), gute Voraussetzungen für diesen Artikel also...
    
 
Nun kommt der Autor dieser Zeilen ausgerechnet aus der Energieseekabellegung im Mittel- und Hochspannungsbereich, gleichwohl ist der Kabelaufbau dort wesentlich komplexer als im Audiobereich. Sicher, bei Seekabeln geht es nicht um den guten Klang, sondern um die möglichst verlustfreie Übertragung von (viel) Energie - eine gewisse Affinität zu diesem Thema ist dennoch wohl kaum von der Hand zu weisen. Zeit also, sich der Sache einmal ganz pragmatisch aus dem Blickwinkel eines Ingenieurs zu nähern, um Fakten und Mythen voneinander zu separieren. Oder zumindest den Versuch zu unternehmen. Oder es vielleicht doch besser sein zu lassen.
 
Womöglich habe ich jetzt nämlich eine gewisse Erwartungshaltung hinsichtlich einer trockenen wissenschaftlichen Abhandlung bei Ihnen geschürt. Weit gefehlt - dafür bin ich nicht Ihr Mann. Vielmehr möchte ich auf meine Weise einen Beitrag leisten, die Dinge etwas unaufgeregter und sachlicher zu betrachten.
 
Zu Beginn sollten wir uns auf eine gemeinsame Ausgangsbasis darüber verständigen, wie das ideale Kabel denn überhaupt aussehen sollte. Im Verstärkerbereich spricht man häufig vom "verstärkenden Stück Draht", welches hier das Ideal darstelle (meines Erachtens wird diese Anforderung von einigen State-of-the-Art Class D-Amps bereits erfüllt, dennoch gefallen mir Röhren-Eintakter mit ihrem relativ hohen, harmonischen und geradzahlig geprägten Klirrverhalten deutlich besser, aber das soll jetzt nicht das Thema sein). Daraus ließe sich suggestiv ableiten, dass unser "Stück Draht" - das Kabel, das ja tatsächlich viel mehr ist als nur ein Draht - nichts weiter tun soll, als das Signal völlig unverändert und unverfälscht von einem zum anderen Gerät zu transportieren. Dabei ist es in unserer Betrachtung völlig unerheblich, welche Komponenten miteinander verbunden werden: Quelle und Verstärker, Verstärker und Lautsprecher, Plattenspieler und MC-Übertrager, symmetrisch, asymmetrisch, analog, digital... Das, was das ideale Kabel mit dem Signal anstellen darf, ist sonnenklar: nichts!
 
Wenn Sie mit dieser Sichtweise einverstanden sind, dürfen wir den so genannten "Kabelklang" auch gleich in die Wüste schicken. Kabel klingen nicht. Ganz wesentlich scheint mir dabei folgende relative Sicht auf die Dinge zu sein: Ein Kabel kann den Klang nicht verbessern, sondern unterlässt es im Idealfall, das Signal zu verändern und damit den Klang zu verschlechtern. Wenn ich hier und da lese, dass das Kabel A gegenüber Kabel B den Klang einer Anlage verbessert, heißt das nichts anderes, als dass der spezifische Parametersatz des Kabels A elektrotechnisch besser zu den mit ihm verbundenen Geräten passt als jener von Kabel B. Klemmen Sie einmal ein NF-Kabel, das zwischen Röhrenvorstufe und Eintakt-Röhrenendstufe hervorragend funktioniert, zwischen eine Vor-/Endstufenkombi von Spectral, dann wissen Sie, was ich meine. Aussagen, ein Kabel klinge "kühl", "analytisch" oder "warm", halte ich für absurd weil generell nicht allgemein gültig. Quelle, Verstärker und Lautsprecher können meinetwegen "klingen"; die Quelle klingt als "Signalgenerator", der Verstärker mit seinen aktiven Bauelementen prägt dem Signal mehr oder weniger ungewollt ebenfalls seinen "Fingerprint" auf und der Lautsprecher als kritischste Komponente fungiert quasi als "Instrument". Ein Kabel hingegen klingt nicht. Es kann aufgrund seiner Parameter allerdings in der Lage sein, zwei Komponenten (nahezu) optimal zu verbinden und damit die Qualitäten der verbundenen Geräte bestmöglich zur Geltung kommen zu lassen, ohne sich dem Signal jedoch als Bremse "in den Weg zu stellen". Ein Pferdefuß dabei: Anders als im Studio- und Profibereich gibt es im HiFi-Bereich leider keine Standards für die Ein- und Ausgänge von Geräten, was die optimale Auslegung eines Kabels sowie dessen Anpassung an die zu verbindenden Komponenten fürderhin schlicht unmöglich macht.
 
Nun wissen wir beide aus (bisweilen leidiger) Erfahrung, dass in der Praxis nahezu alle Kabel den Klang einer Kette verändern, manche nur in Nuancen, andere stärker. Offenbar gibt es tatsächlich Kabel, die in (m)einer Kette besser "klingen" als andere (ok, ok, erwischt: Kabel klingen ja nicht) - das hängt ganz wesentlich von den mit dem Kabel verbundenen Geräten selbst ab. Ein und dasselbe Kabel kann sich in einem Setup hervorragend schlagen, im anderen Umfeld hingegen als Totalausfall entpuppen, diese so profane wie wahre Erkenntnis haben die meisten von uns wohl bereits selbst gemacht. Was aber unterscheidet Kabel voneinander und, viel wichtiger, welche Parameter wirken sich auf den "Klang" - besser: auf das Signal - aus bzw. welche nicht?
 
Impedanz, Induktivität, Kapazität, Wellenwiderstand, Scheinwiderstand, ohmscher Widerstand, Dämpfung, Schirmung, Mantel, Dielektrizitätskonstante, dielektrische Absorption, piezoelektrischer Effekt, Skin-Effekt, (sauerstofffreies) Kupfer oder Silber, Massivdraht oder Litze, Länge, Durchmesser, Wirbelströme, Mikrophonie, Laufrichtung, Einbrennen, Besprechen bei Vollmond, MDI-Verzerrungen... Haben Sie wirklich Lust, sich mit all diesem Kram intensiv zu befassen?! Na also. Außerdem gibt es nicht den einen, allein selig machenden - ergo: richtigen - Königsweg beim Engineering von Kabeln. Und schließlich ist alle Theorie sowieso grau...
 
Wir machen es uns einfach und gehen die Sache folgendermaßen an: So lange es noch "echte" HiFi-Händler mit "echtem" Laden an der Ecke gibt (die sie zunehmend verdrängenden, reinen Internethändler bieten diesen Service meines Wissens nämlich nicht), leihen wir uns möglichst viele Kabelsätze aus und probieren, probieren, probieren.... Und wenn´s funktioniert: Hurra! Und es wird funktionieren - dann kaufen wir das Kabel bitteschön auch bei diesem Händler und nicht im Internet, nur um 10 Euro zu sparen.
 
Um schlussendlich die in der Artikelüberschrift aufgeworfene Frage zu beantworten: Die gekonnte Herstellung von Audiokabeln ist Wissenschaft und kein Voodoo. Eine (empirische) Wissenschaft für sich, bei der Ihnen als Konsument viel Mühe durch Ausprobieren abverlangt wird - und Sie am Ende reichlich belohnt werden (können), Sie aber auch nur so das gesamte Potenzial Ihrer Komponenten wirklich "heben" können. Lassen Sie sich doch einmal auf das Abenteuer Kabel ein und testen Sie völlig unvoreingenommen verschiedene Verbinder in Ihrer Kette, völlig egal, ob "Ihre" Idealstrippe am Ende - je nach Gusto und Geldbeutel - 50, 500, 5.000 Euro oder noch mehr kostet. Vielmehr möchte ich sogar behaupten, Sie sind es sich und Ihrer Anlage schuldig!
Für mich nehmen Kabel daher auch völlig unzweifelhaft den Status einer Komponente ein. Und wer diese Aussage mit Blick auf das heutige Kalenderblatt als Aprilscherz entlarvt, der liegt goldrichtig: April, April!
 
Es gibt durchaus Spezialisten, die für die Verkabelung einer kompletten Kette eine Summe aufrufen, für die manch einer sich lieber eine Oberklasse-Limousine anschafft... Kabel weisen einen besonderen Unterschied zu allen "anderen Geräten" auf: Nirgendwo ist die Korrelation zwischen Preis und Leistung so wenig ausgeprägt wie bei Kabeln. Wobei es zugegeben durchaus sauteure Kabel gibt, die auch famos "klingen" (Autsch!).
  
  
EDIT 06.07.2015:
Weil es so schön zum Thema passt empfehle ich einen Artikel hierzu von Friedrich Hunold: Audiokabel.

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