Sonntag, 14. April 2013

Die perfekte HiFi-Komponente - oder: auf der Suche nach dem Heiligen Gral

Wer hätte sie nicht gern, die perfekte HiFi-Komponente? Oder besser noch gleich eine ganze Kette perfekter Geräte - von der Quelle bis zum Lautsprecher -, ebenso perfekt aufeinander abgestimmt und geeignet, den geneigten Hörer in höchste emotionale Sphären zu katapultieren! Glaubt man den markigen Versprechungen (oder Lügen) einiger Werbestrategen, dann sind solche Komponenten selbstredend längst verfügbar. Leider gleicht das Unterfangen des Strebens nach Perfektion auch in diesem Fall der Suche nach dem Heiligen Gral und ist von Vornherein zum Scheitern verurteilt. Den perfekten Verstärker, Lautsprecher, Plattenspieler, Musik-Server oder was auch immer (geschweige denn die perfekte Musikanlage) gibt es nicht. Punkt. Übrigens auch nicht das perfekte Kabel, das nur mal so am Rande.
  
Rumms! Nach diesem Schlag mitten in Ihr hifideles Gemüt könnte der Artikel an dieser Stelle schon enden, bevor er eigentlich begonnen hat - doch keine Sorge, so einfach wollen wir es uns nicht machen, nicht wahr? Schließlich glauben wir, also Sie und ich, ja ganz fest an die perfekte, na ja, wenigstens NAHEZU perfekte Reproduktion konservierter Musik. Diese Sichtweise hat sich nämlich über die Jahre und Jahrzehnte klammheimlich in unser Unterbewusstsein eingeschlichen und es sich dort bequem gemacht. Wir wurden wider Willen konditioniert: von der HiFi-Presse, der die Superlative ausgingen und die ab gewissen Preisklassen automatisch beim Wörtchen "perfekt" landete, den skrupellosen Händlern, die für die "perfekte" Anlage horrende Margen einzustreichen suchen, von pathetischen Werbebotschafte(r)n, oder - bei Weitem am schlimmsten - sogar von schrägen Beiträgen in HiFi-Foren. Steter Tropfen höhlt eben doch den Stein... Und heute macht Ihnen das Musikhören nicht mehr so recht viel Freude, stimmt´s? Obwohl Sie doch Zeug im Gegenwert eines Kleinwagens in der guten Stube rumstehen haben - da ist was faul.
   
    
Manch einer behauptet, sich alle zwei Jahre beim HNO-Arzt die Ohren durchspülen zu lassen. So gereinigt und körperlich geläutert könne er anschließend viel besser hören und er habe danach wieder mächtig Spaß an seiner Musikanlage. Aha. Ein anderer driftet in die spirituelle Ecke ab und schleppt Schwingungsharmonizer in sein Wohnzimmer oder stellt komische Holzklötzchen unter seine Geräte. Natürlich klingt es jetzt viel - eben - harmonischer (muss es ja auch, bei dem Vermögen, das der Kram gekostet hat; das nennt man übrigens Autosuggestion). Und der Kabel-Nerd hat mal wieder sein (vorläufig) letztes Lautsprecherkabel gefunden, mit dem er alt werden möchte (es soll ja auch Männer geben, die statt mit einer HiFi-Komponente mit ihrer Frau alt werden wollen, aber auch das wieder nur so am Rande). Etwas weniger Silberanteil im Kabel, sagt er, nun kämen die Sibilanten noch seidiger. Liebe Leute, mal ganz jovial und ehrlich: Seid Ihr noch ganz dicht?!
  
Sie erinnern sich bestimmt noch ebenso gut wie ich an Ihre Teenagerzeit, als Sie einen Höllenspaß am Musikhören hatten, und zwar mit einem "Equipment", das nach Ihrer heutigen Bewertung nicht mal mehr zum Fußballhören in der Gartenlaube taugte. Und erstaunlicherweise konnte auch der gepfefferte Sound der Boxen mit Horntröten und Blubberbass damals in der Dorfdisko nicht verhindern, dass Sie mächtig das Tanzbein schwangen, richtig? Und ist es nicht so, dass Sie damals bei Ihren Lieblingssongs das Autoradio ordentlich aufdrehten und lauthals mitsangen?
  
Letzten Endes geht es doch um den Spaß am Musikhören, und der korreliert offenbar nicht unbedingt mit dem Wert oder der Technik einer Anlage oder einer Komponente. Ist die "perfekte Musikreproduktion" gar eine Frage der inneren Einstellung? Womöglich.
  
Falls Sie den einen oder anderen Musiker kennen, dann versuchen Sie einmal, sich mit denen über "high-endige" Musikreproduktion zu unterhalten. Sie werden in den meisten Fällen scheitern und Blicke in der Bandbreite zwischen mitleidig und irritiert ernten, bei humorlosen Vertretern gar bis hin zu böse  oder beleidigt. Wenn ein Musiker Musik will, dann haut er selbst in die Saiten. Und er hat Spaß daran. Fertig. Selbst zart besaitete musische Gemüter, die mit E-Gitarre und Schlagzeug nix am Hut haben sondern eher kammermusikalisch orientiert sind werden womöglich zugestehen, dass sie zu Hause mit einer kompakten Minianlage für neunundachtzigfuffzich Musik hören. Ungeheuerlich, oder? Allerdings wollte mir im Gegensatz zu durchgeknallten High-Endern noch kein Musiker erzählen, er könne hören, wie viel Kolophonium die Geigerin auf ihren Bogen gestrichen hat – muss wohl doch an der Anlage liegen… All diese kruden Auswüchse des Sich-selbst-Belügens sind Symptome einer inneren Rastlosigkeit auf der Suche nach einer Perfektion, die es nicht gibt.
  
Spätestens jetzt dünkt Ihnen: Es muss sich etwas ändern! Gönnen Sie sich einmal eine Auszeit vom verkrampften Umgang mit Ihren High-End-Geschützen daheim, schließlich haben Sie doch durch selbst auferlegte Abstinenz auch Ihre drohende Internetsucht in den Griff bekommen. Besuchen Sie endlich mal wieder ein Konzert, wie früher! Genießen Sie die Dynamik und den „unperfekten“ Sound in der Konzerthalle; treffen mit Glück einen Künstler, zum Beispiel Udo Lindenberg (in Hamburg stehen die Chancen manchmal gar nicht schlecht, wenn er an diesem Abend nicht selbst auf der Bühne steht). Dann geben Sie ihm einen Eierlikör aus und erden sich bei nettem Smalltalk mit einem authentischen Musiker, anstatt dem neuesten Mk III-Upgrade Ihres Plattenspielers hinterher zu hecheln. Oder Sie bauen sich selbst mal eine Box - einfach so, ohne high-endige Ambitionen und erfreuen sich am „unperfekten“ Ergebnis. Für den Anfang reicht ja ein günstiger, fertiger Bausatz. Irgendwann kommt dann auch wieder der Spaß am Musikhören, versprochen.
  
Ich will damit sagen: Egal, ob analog oder digital, Röhre, Transistor oder Class D, vielleicht haben Sie schon eine perfekte Anlage zu Hause stehen, relativ gesehen natürlich. Nur wissen Sie es noch nicht.

Kommentare:

  1. Hallo 2a3,

    bin selbst Musiker und Hifi-Nerd mit einer Vorliebe für UKW-Radio, Schallplatten und Stax Equipment (nicht nur die Kopfhörer).
    Für mich ist die Qualität einer Komponente darin begründet, wie wenig mein Gehirn an Rechenleistung braucht um ein Instrument rekonstruieren zu können. Ich erkenne einen Konzertflügel auch mit einem 10 Euro Brüllwürfel. Je weniger ich mich aber anstrengen muss, um diesen Klang zu erkennen und je mehr ich mich darin verliernen, kann desto "besser" der Klang:-)) einer Komponente (oder besser Reproduktionsfähigkeit).

    Gruß Georg

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  2. Hallo 2a3,
    ja ja die perfekte Anlage, ein schöner Traum. Es dauert, bis man begreift, das man aus einer Konserve nicht wieder Frischobst machen kann. Aber die Anstrengung und die Intentionen der oder des Musikers kann schon sichtbar werden. Da ich mich über viele Jahre mit einer alten Quad II / 22 und ESL 57 damit beschäftigt habe, was mit Geräten geht, die so alt sind wie ich, musste ich feststellen, dass nicht der Besitz sondern der richtige Umgang ( Aufstellung und Einstellung ) die wahren Qualitäten zu Tage fördern. Belohnt wurde ich für jeden der kleinen Erkenntnisschritte mit dem jeweils besten Klang, den ich kannte. Am Ziel ist man eigentlich nie. In der Zwischenzeit ist alles Technische aus der Wiedergabe verschwunden und ich kann mich an Konserven ergötzen, die mir längst verstorbene Künstler vor Ohren führt, die ich live und in besserer Tonqualität nicht mehr hören kann. Der Preis ist allerdings ständige Wachsamkeit, damit einen keiner beobachtet, wie man den vertikalen Winkel der Elektrostaten durch unterlegen von Cent Münzen an die Sitzposition anpasst, um im Sweetspot zu bleiben. Sonst kommen die netten Herren mit den weißen Turnschuhen und dieser engen Weste. In einer Zeit, in der Musik allgegenw
    ärtig aus Decken und Aufzügen dudelt und mindestens zwei Dinge gleichzeitig genossen werden (joggen mit ipot),ist gehobene Musikwiedergabe ein Anakronismus . Doch Demjenigen, dem Musik noch etwas bedeutet, kann die Beschäftigung mit hochwertigen Wiedergabegeräten zur Reproduktion von Tonkonserven viel Freude bereiten. Aber Perfektion erreicht nur der liebe Gott. In diesem Sinne, viel Spass bei Röhre,Transistor, Hornlautsprecher und Plattenspieler.
    Gruß Josef

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  3. Hallo Josef,

    danke für Deinen treffenden Kommentar - es ist genau die von Dir beschriebene Leidenschaft auf einem Weg, dessen Ziel man nie erreichen wird, die einem dennoch Freude und Faszination bescheren kann.

    Gruß,
    Carsten

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