Dienstag, 18. November 2014

Über das Musikhören... noch ´n Nachschlag

Es gibt ja viele schräge Vögel unter uns, ich selbst nehme mich da nicht einmal aus. Alleine das doofe Header-Bild dieses Blogs oben: Wer, bitte schön, fotografiert am Strand in aller Öffentlichkeit eine Röhre?! Es braucht schon ein sehr gesundes Selbstbewusstsein, um sich dabei unter den neugierigen bis verwunderten Blicken passierender Strandspaziergänger nicht völlig bescheuert vorzukommen.
 
Aber was mir im Laufe meines (Hifi-)Lebens alles noch so unterkommt, muss ich irgendwie verarbeiten. Als eine Art Selbstschutz, um nicht alles in mich reinzufressen und irgendwann durchzudrehen. Also schreibe ich es auf, stelle es hier ein und nutze Euch, liebe Leser, quasi als virtuellen Psychiater. Das habe ich in der Vergangenheit ja auch schon so getan, und zwar hier und hier. Zu Hause hört mir nämlich keiner mehr zu, das glaubt einem alles doch niemand mehr.
 
Jede Gruppe ab einer bestimmten Größe darf mehr oder weniger als typischer Schnitt durch die Gesellschaft gelten. Auf Musikhörer und Hifi-Fans trifft das meiner bescheidenen Meinung nach allerdings nur bedingt zu...
 
Der Audiophile-Musik-Hörer
...ist quasi der "Klassiker" unter allen Hifi-Zombies. Er begegnet einem potenziell immer und überall, insbesondere auf Messen und Vorführungsveranstaltungen. Weit verbreitet auch unter den Ausstellern selbst, die die Qualität ihrer Geräte z.B. mit Ulla Meineckes "Tänzerin" hervorzuheben suchen. Gerade vor zwei oder drei Jahren auf meinem letzten Besuch der Norddeutschen Hifi-Tage in Hamburg wieder vorgekommen. (Genau - danach brauchte ich erst einmal eine Pause. Vielleicht traue ich mich Anfang 2015 mal wieder hin. Und wer es wagt, wieder so einen Scheiß Mist zu spielen, wird auf meinem Blog genannt und angeprangert.)
  
Unsereiner wendet sich mit Grausen ab, aber es gibt meiner Erfahrung nach doch eine erkleckliche Anzahl "Audiophiler", die in erster Linie Musik hören, der besonders gute Aufnahme- und/oder Klangqualität nachgesagt wird. Meine Güte, Ende der 1980er-Jahre habe ich mir die Scheibe ebenfalls gekauft, um meine ersten armseligen Boxenbauversuche zu überprüfen, weil eben jene Platte in stereoplay & Co. Referenzplatte für Boxen-Tests war - dem wollte man schließlich nicht nachstehen. Noch heute lagert die Platte bei mir auf dem Dachboden!
  
 
Der Andrea Berg- und Helene Fischer-Hörer
Ein Bekannter, mit dem ich hin und wieder Sport treibe, war für mich bis dato in Sachen Hifi und Musik völlig unverdächtig - sprich: Mit ihm habe ich mich bislang noch nie näher über dieses Hobby unterhalten. Er weiß zwar um meinen Spleen, aber dennoch war ich ob seiner Frage nach einer gemeinsamen "Hörsession" erstaunt; er würde auch Musik mitbringen wollen. Was er denn so mitzubringen gedächte, fragte ich ihn. Woraufhin er entgegnete: "Na, Andrea Berg und Helene Fischer und so, geile Party-Mucke halt!"
 
Durch welches Wurmloch wurde ich denn gerade in dieses Paralleluniversum geschleudert? Ich war kurze Zeit sprachlos und überlegte, wie ich aus der Nummer wieder rauskäme, ohne ihm zu nahe zu treten. Auf meine Frage, ob er das denn auf Vinyl hätte, guckte er mich verdutzt an und einen Augenblick später war das Thema dann auch gegessen. Geschmack hin oder her, aber irgendwo hört der Spaß dann doch auf. Mir tat die Fußball-Nationalelf im Sommer dieses Jahres schon so leid, als sie mit Weltmeisterpokal unter dem Arm völlig atemlos auf der Berliner Fanmeile mit Helene Fischer auftreten musste - zur Strafe, als ob sie gerade in der Vorrunde ausgeschieden wäre...
   
Der Quacksalber
...erquickt mich unaufgefordert (mündlich oder per E-Mail) mit Klangbeschreibungen über seine Hifi-Anlage  wie "randscharfe Ortung" und "imposante Tiefenschärfe" oder erläutert mir einen "extrem tiefen, geschichteten, hoch differenzierten tonalen Raum". Da gibt es "breite Bühnen, ... auf denen der sonore Grundton aufblüht unter extremer Zunahme von Brillianz bei einer weiter differenzierten Auflösung des Klanges, des Klangbildes". Es gibt sogar "fremdschwingungsreinen, tonal orgasmusfähigen Klang". Das alles sind noch die harmlosen Auswüchse; die schwieriger nachzuvollziehenden Brückenschläge zur menschlichen Sexualität erspare ich mir hier zu notieren.
   
Ich bin echt müde davon und vieles habe ich aufgrund meines beschränkten Blickwinkels so noch nie gesehen, geschweige denn gehört - da habe ich wohl etwas verpasst. Wahrscheinlich habe ich bisher ACDC beim Spielen von "Thunderstruck" einfach nur noch nicht aufmerksam genug zugehört.
  
Der Alkoholiker
...nutzt seine Musikanlage als Fassade, um sein Suchtproblem zu verbergen. Sie bietet ihm ein Alibi, um eine Flasche Wein zu dekantieren - zunächst auch gar nicht weiter verwerflich, denn bis die Röhren des Verstärkers nach dem Einschalten "auf Temperatur" sind, hat auch der Wein sein Aroma entfaltet. Ein genussvolles Gläschen lasse ich mir als Gast auch gern gefallen. Doch der erneuten Einladung dieses Gastgebers zu folgen erwies sich als nicht klug.

Noch vor dem Ende der zweiten Platte ist die Karaffe leer und die nächste Flasche wird geöffnet. Ich habe eigentlich schon genug und kümmere mich derweil um die Auswahl der nächsten Platten, übe mich beim Alkoholgenuss hingegen in Zurückhaltung. Der Gastgeber benötigt mittlerweile alle Konzentration, die Nadel am Arm des Plattenspielers zielgenau in die Anfangsrille zu senken - ich mache mir bereits leichte Sorgen um meine Plattenschätze...
 
Noch später am Abend dann goutiert der dem Rebensaft frönende Mensch mit schwerer Zunge neben den geschmacklichen Vorzügen des Weins die klanglichen Vorzüge seiner Anlage - jetzt mutiert er auch noch zum Quacksalber, mein Gott! Das war doch kürzlich schon das Gleiche in Grün, als ich so viel Neues über Single Malt Whiskys erfahren habe - ich hätte es besser wissen müssen. Also beim nächsten sich bietenden Vorwand die Platten zusammensammeln und ab nach Hause...
  
Die "Ich-höre-da-keinen-Unterschied-Hörer"
...sind sehr selige, glückliche Menschen. Sie unterliegen nicht dem Zwang, mit irrsinnigem, großen und teuren Hifi-Gedöns Wohnzimmer oder andere Orte vollzustellen, sie damit quasi unbewohnbar zu machen und gleichzeitig das Konto bis zum Anschlag z.B. für exotische NOS-Röhren fraglichen Zustands und unklarer Provenienz zu überziehen. Sie sind zudem der Gegenentwurf zum "Quacksalber" und mit einer Kompaktanlage für neununddreißichfuffzich aus dem Großmarkt mehr als zufrieden. Im Grunde eine sehr angenehme Spezies. Aber man darf nicht zuviel erwarten, wenn es darum geht, seine Leidenschaft oder die Begeisterung über die Steigerung der Klangqualität nach Einsatz eines neuen Tweaks zu teilen. Meine Frau gehört z.B. zu dieser Spezies. Die neue Box, gestern gerade frisch von der Werkbank gekommen, spielte sich bislang nur an meiner so genannten "Werkstattanlage" ein und dudelte so vor sich hin. Nun aber wird es ernst: Umgestöpselt an die "richtige" Anlage ist das natürlich gleich eine ganz andere Hausnummer! Ich frage meine Frau nach ihrer Meinung und ernte - natürlich! - nur ein lapidares "Ich höre da keinen Unterschied"...


(Edit:
Es gibt auch noch den Sackgeher, den Wendehals, den Bekehrer, den Techniker, das Spielkind sowie Zombies & Aliens. Aber da es sich hierbei lediglich um Mischformen der bereits bekannten Typen handelt, werde ich sie nicht im Detail beschreiben.)

1 Kommentar:

  1. Schön formuliert und den Nagel auf den Kopf getroffen...............

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