Sonntag, 7. Dezember 2014

Lexikon der Klangbeschreibung

Die deutsche Sprache bietet einen enormen Wortschatz, je nach Zählweise gibt es zwischen einigen hunderttausend und über fünf Millionen Wörter (Hintergründe zu dieser Unschärfe hier). Doch egal, wie viele es genau sind - es sind wahnsinnig viele. Sehr viel mehr als die meisten anderen Sprachen bieten können und jedenfalls mehr als genug für alle Lebenslagen. Sollte man meinen.
 
Der gemeine Hifi-Redakteur, der Hifi-Junkie, der Hifi-Jünger oder der Hifi-was-auch-immer versuchen nun in schöner Regelmäßigkeit, sich verbaler Krücken aus diesem reichen Fundus zu bedienen, um subjektive akustische Sinnes- bzw. Höreindrücke sprachlich zu beschreiben (warum eigentlich?!). Ein trotz der Fülle an Wörtern so gut wie zum Scheitern verurteiltes Unterfangen; leider bleibt dieser Versuch denn auch fast immer erfolglos und endet oft genug in Quacksalberei.
 
Meistens gewährt der Beschreibende nämlich Einblicke in seine Gefühlswelt - das ist gar nicht hilfreich, da jeder Mensch eben anders empfindet. Manch einer versucht tatsächlich, sachlich-objektiv zu bleiben - das klingt dann nicht nur hölzern, sondern sinnfrei. Was dabei herauskommt, lässt mich in (genauso) schöner Regelmäßigkeit ratlos zurück.
 

Ein Erklärungsversuch.
...
 
FULL STOP. Was jetzt eigentlich folgen sollte war der Versuch, Begriffe zu erklären, quasi zu "übersetzen" wie z.B. stupende Räumlichkeit, Ortungsschärfe, Randschärfe, Konturenschärfe, saubere Durchzeichnung, Ortungspräzision, holografische Raumausleuchtung, staubtrocken definierter Grundton, schlackenfreier Grundton, Gesamtbalance auf der schlanken/warmen Seite, Transparenz, Luftigkeit, Präsenz, schwerelose Kraftentfaltung, freies Durchatmen im Klangbild.
  
Ich habe es sein gelassen. Den Erklärungsversuch meine ich. Mich einfach nicht getraut. Das Lesen von Hifi-Zeitschriften über einen Zeitraum von mittlerweile knapp drei Jahrzehnten hat bei mir eindeutig Spuren hinterlassen - mehr, als gesund für mich ist. Zeit also, sich davon zu distanzieren anstatt sich weiter "hineinzuwühlen". 
 
Da gibt es ätherische Räume, breite Bühnen, tiefe Bühnen, hohe Bühnen, nach vorne kippende Klangbilder, nach hinten, seitwärts, sonstwohin... Mann - ich bin jetzt schon völlig gaga! Die Bühne ist Sache des Raums, nicht des Lautsprechers. Und um welchen Raum geht es eigentlich bei reinen Studioproduktionen von U-Musik - um den Aufnahmeraum?!
  
Oder wie wäre es mit Klangbildern, die sich von der Mitte her aufbauen, klinisch-reiner Neutralität, Klangbildern auf der "knochigen Seite", feingeistigen Höhen, Spielwitz, Spielfreude, sauber-analytisch leuchtenden oder seidig-transparenten Klangfarben, reichhaltigem Klangfarbenreichtum, feinem Röhrenschmelz, Höhen mit Zuckerguß, substanzieller Körperhaftigkeit, Bass mit honigartigem Durchzug...
 
Insbesondere bei Lautsprechern reichen im Grunde folgende drei Kriterien zur Beschreibung der Klangqualität vollkommen aus: Dynamik, Präzision und Verfärbungsarmut. In technischer Hinsicht vielleicht auch noch Wirkungsgrad und Bandbreite. Alles andere ist doch - sorry - Rumgesülze. Machen wir uns nichts vor: Mehr als die Hälfte des klanglichen Gesamtergebnisses wird ohnehin durch den Hörraum und die Aufstellung der Lautsprecher (=Interaktion mit dem Raum) bestimmt.
 
Auch ein sechsstelliger Eurobetrag für eine Hifi-Kette kann Mängel im Hörraum nicht kompensieren. Es mutet zum Teil sogar irrsinnig an, wenn jemand (und dieser jemand ist mir gut bekannt, streng genommen sind es sogar mehrere jemande) z.B. Lautsprecher vom Typ "ausgewachsene Kommode" in sein Wohnzimmer vom Typ "Besenkammer" wuchtet. ´Boooah Alter, die ham so ´n fetten Bass ey, voll mein Ding für meine Mucke, so welche wollte ich schon immer haam! Habbich mir jetz endlich ma gegönnt!´ Der Gute föhnt sich jetzt also täglich mit 35 Watt EL34-Push-Pull an 97dB-15-Zoll-Hörnern in 12 qm seine schütteren Haare. Mit bereits hunderte (tausende?) Male abgespielten Scheiben von Abwärts, Rio Reiser, Ramones und Hüsker Dü. Wenn so ein herber Altpunk also kann wie er will, weißt Du, was die Stunde geschlagen hat... Herzensguter Mensch, aber eben nicht wirklich an gutem Klang interessiert, jedenfalls ist meine Vorstellung davon marginal different.
 
Was ist letztlich sagen will: Es ist also im Grunde längst an der Zeit, sich mit dem Thema "Raum" viel mehr zu beschäftigen als mit den Hifi-Komponenten selbst. Das musste jetzt mal raus.
  
Lösungsansatz
Vielleicht könnte man sich in diesem unseren Fall darauf verständigen, in Hifi-Printmedien einfach viel mehr Bilder einer Komponente zu zeigen und die Technik noch ausführlicher zu beschreiben - so richtig ausführlich, meine ich -, oder man erstellt gleich ein reines Bilderbuch; Bilder sagen doch sowieso mehr als 1.000 Worte. Für die Klangbewertung dagegen beschränkt man sich ausschließlich auf die Vergabe von Klangpunkten und Ohren (back to the roots!); einige Audio-Gazetten sind hier ja bereits seit Jahrzehnten Vorreiter. Und verbal beschränken wir uns auf lediglich zwei (quasi digitale) Zustände: klingt geil oder klingt scheiße. Das reicht. Bei Interesse hören wir uns ein Gerät nämlich ohnehin selbst an, nicht wahr? Und wenn es in der Besenkammer ist.

1 Kommentar:

  1. Herrlich! :) Lieben Dank für ein breites Grinsen am Monatgmorgen!

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