Donnerstag, 2. Juli 2015

High Fidelity lebt - aber wo fängt High Fidelity an? Oder besser: Wie viel kostet Hi-Fi?

Totgesagte leben ja bekanntlich länger, so natürlich auch die High Fidelity. Quasi auferstanden wie Phönix aus der Asche. Nach meinem Beitrag High Fidelity ist tot gab es ja durchaus muntere Diskussionen, nicht zuletzt auf den Norddeutschen Hifi-Tagen in Hamburg...


Zeit also, an dieses Thema anzuknüpfen! Wenn mich meine Erinnerung nicht allzu sehr trügt, dann liegt das gefühlte Durchschnittsalter der Besucher auf Veranstaltungen wie den Hifi-Tagen oder der High-End in München bei deutlich über 50 Jahren. Und wenn die High Fidelity weiterleben soll, braucht sie unbedingt frisches Blut, sprich: Es gilt, ein jüngeres Publikum zu erreichen, anzusprechen und zu begeistern. Und dauerhaft zu binden! Das Begeistern gelingt zwar durchaus mit Gerätschaften im Zig-Kilo-Euro-Bereich, allerdings bleibt bei derlei  hohen "Eintrittsbarrieren" die Bindung junger Menschen an das Hobby Hifi aus. Ergo: Das Smartphone wird weiterhin in die Dockingstation geklemmt und Musik über Desktop-Brüllwürfel konsumiert...

Für mich persönlich ergab sich jüngst ein ganz konkreter Anlass, einem Bekannten mit Rat zur Seite zu stehen, und zwar ausgerechnet (m)einem Andrea Berg und Helene Fischer-Hörer, der bereits hier zumindest indirekt in Erscheinung getreten ist... Na ja, er hört ja auch andere Sachen. Offenbar irgendwie angefixt (steter Tropfen höhlt eben doch den Stein) fragte er mich, was denn so eine Anlage - eine, unter der ich "Hifi" verstehe - koste. Nach meiner etwas vagen, zögerlichen Antwort platzte irgendetwas in der Art ´Alter, das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?!´ oder so ähnlich aus ihm heraus. Ob es denn nicht auch billiger ginge, wollte er wissen. Seine große Tochter sei ausgezogen, das Zimmer umfunktioniert zum Arbeitszimmer und Platz für "so eine" Anlage sei auch noch, aber das Limit liege bei maximal 1.000 Euro. Für Röhrenverstärker, Plattenspieler, Lautsprecher und "Kabelgedöns", alles was man für eine komplette Kette eben braucht.

Damit hatte ich die Torte also im Gesicht und ich erklärte ihm, dass ich mir mal was überlegen würde. Der hartgesottene High-Ender hätte diesem Unterfangen natürlich sofort eine Absage erteilt, aber hey - etwas mehr Bodenhaftung stünde uns allen hier und da ganz gut zu Gesicht (siehe oben). Mittlerweile hört er nämlich äußerst begeistert seine alten Rockscheiben mit folgender Kette:

Verstärker: Dynavox VR-20
Den kleinen Ableger des VR-70 (welchen ich vor gefühlten Äonen selbst einmal besaß) gibt es bereits für unter 400 Euro. Ein kleiner Gegentakter mit der 6P6P bzw. 6V6, der eine inflationär hohe Ausgangsleistung von 10 Watt an seine Klemmen bringt - das reicht für alle Lebenslagen. Für´s aufgerufene Geld eine sehr anständige Kiste, über deren kleine (auslegungstechnische) Mängel wir den Deckmantel des Schweigens hüllen und großzügig darüber hinwegsehen. Bitte nicht falsch verstehen: Außer in China kann man für dieses Geld sicher keinen kompletten Röhrenverstärker bauen und für 400 Euro ist er damit auch angesichts seines anständigen Klangs ein klarer Most-bang-for-the-buck Kandidat.


Wer die Kiste lieb gewinnt und mutig ist, tauscht die mitgelieferten Endröhren gegen NOS-Teile von GE (6V6); ein gematchtes Quad gibt´s in Amiland für einen schlappen Hunderter. Auf der Spielwiese namens Tuberolling gibt es also durchaus noch gewisses Optimierungspotenzial, was hier jedoch mit Blick auf das enge Budget außer Betracht bleibt.

Plattenspieler: Pro-Ject Elemental Phono USB
Ich meine es wirklich ernst. Dieser minimalistische Dreher ist seine 250 Euro mehr als wert - hier machen sich die hohe Fertigungstiefe und die gigantische "Bauteilekiste" des weltweit größten Plattenspielerherstellers im wahrsten Sinne des Wortes bezahlt. Praktischerweise hat er gleich eine kleine Phonokarte integriert und kann direkt mit dem Hochpegeleingang des Verstärkers verbandelt werden; für eine extra Phonobox mit zusätzlich nötigem Kabel wäre das Budget zu sehr belastet worden.


Der Kniff dieses Plattenspielers liegt in seinem direkt unter dem Plattenteller befindlichen Masseschwerpunkt aus Kunststein; echt pfiffig gemacht, finde ich. Ein vernünftiges, zum Arm und zum Dreher passendes Ortofon OM5 ist vorinstalliert. Das mitgelieferte RCA-Kabel bleibt allerdings gleich im Karton.

"Kabelgedöns"
Für meinen Bekannten sind "Strippen" einfach nur lästiges "Kabelgedöns", was man notwendigerweise eben doch benötigt. Gar nicht aus einem "Kettengedanken" heraus (gleicher Hersteller), sondern einfach, weil es echte Preis-Leistungs-Knüller sind, greifen wir wieder bei Pro-Ject zu. Das NF-Kabel zwischen Dreher und Amp hört auf den Namen Pro-Ject Connect It RCA-C; 82 cm Länge fertig konfektioniert kosten ca. 70 Euro.


Als Lautsprecherkabel wählen wir das Pro-Ject Connect It LS mit konfektionierten Hohlbananas; Kostenpunkt ca. 60 Euro für 2x3 m. Dieses Solid-Core (!) Kabel hat vier massive Leiter à 1 mm2 Querschnitt, von denen zwei pro Pol verdrillt sind. Dieses Kabel macht übrigens auch in weitaus teureren Anlagen eine sehr, sehr gute Figur... Geheimtipp!


Lautsprecher
Nach einem kurzen Kassensturz verbleiben 220 Euro. Dafür kaufen wir uns ein Pärchen des bewährten und altbekannten Treibers Ciare CH250 für 160 Euro.



Mit einem Qts von 1,36 und 96 dB Wirkungsgrad ja geradezu für den Einsatz in einer offenen Schallwand (Open Baffle) prädestiniert, basteln wir uns mit wenig Aufwand genau die. Die restlichen 60 Euro gehen für 25 mm Birkenmultiplex, Holzzuschnitt, ein paar Schrauben und ein Töpfchen OSMO Dekorwachs drauf.



Natürlich gibt es weder eine Entzerrung (igitt! Teufelszeug!) noch ein Lautsprecherterminal. Der puristischen Lehre folgend, knipsen wir kurzerhand die lautsprecherseitigen Bananenstecker am LS-Kabel ab und krimpen kleine Steckerchen (aus dem Car-Hifi-Bereich), um das LS-Kabel direkt an die Anschlussfähnchen des Treibers zu stecken.


Schlussbemerkung
Was diese kleine Kette zu leisten im Stande ist, ist meilenweit von High Fidelity im "klassischen" Sinne entfernt - erfreulicherweise. Purer Spaß, Unmittelbarkeit, Schnelligkeit und direkte Ansprache sind ihre größten Tugenden. Hier legst Du einfach Platte für Platte auf und denkst nicht einmal im Entferntesten daran, abgedroschene Phrasen wie Bass, Mitten, Höhen usw. zu bemühen. 

Klar, am Anfang hatte ich Manschetten, einem unbedarften Neugierigen, der eher durch Kompakt-Hifi und Smartphone konditioniert ist (war), für immerhin 1.000 Euro eine solche Kleinanlage zusammenzustellen. Ihm leuchten jetzt die Augen (und Ohren!) und er hat ein neues Hobby. Ich fürchte nur, das war nicht der letzte Rat, um den er mich bat, denn wie wir alle wissen, nimmt der Wahnsinn dieses Hobbys ja jetzt erst seinen Lauf...


EDIT 06.07.2015:
Weil es so schön zu den Kommentaren bzgl. "Kabelgedöns" passt (siehe unten) empfehle ich einen Artikel hierzu von Friedrich Hunold: Audiokabel.

Kommentare:

  1. Deine Intention ist löblich, aber 130 Taler für ein paar Drecks-Drähte? Kann ja wohl nicht wahr sein. NF-Leitung: RG58. Kostet weniger als einen Euro pro Meter und hat man immer im Hause. Stecker? Die mit der Weichplastikhülse von Conrad. Kosten nix, leben bei häufiger Beanspruchung nicht ewig, klingen aber gut. LS-Strippe? Per Akkuschrauber verdrillter Lackdraht. 0,5 mm sind bei diesen LS mehr als ausreichend. Kostet etwa 17 Cent pro Meter.

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    1. Hallo Holger,

      "130 Taler für ein paar Drecks-Drähte" ist ein ziemlich hartes Urteil. Es geht hier darum, dem interessierten Neueinsteiger und "Nichtfrickler" zu zeigen, dass man sich für ein begrenztes Budget durchaus eine kleine Kette zusammenstellen (kaufen) kann, die eine Menge Spaß macht. So jemand hat kein RG58 zu Hause rumliegen und kann/will keine Stecker bauen. Oft sind der Holzzuschnitt für die Boxen/Schallwände nach Maßvorgabe im Baumarkt und das anschließende Zusammenschrauben das höchste der (handwerklichen) Gefühle.

      Für diesen Kaufpreis klingen die empfohlenen Kabel m.E. sehr anständig und sind preisbezogen anderen Herstellern mindestens ebenbürtig. Andere Hersteller langen in Sachen Materialeinsatz vs. Marge vs. Endpreis ihrer Produkte (nicht nur bei Kabeln) teilweise viel heftiger zu als Pro-Ject dies bei seinen Kabeln macht. DIESES Thema ist aber eine ganz andere Baustelle.

      Gruß
      Carsten

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  2. Hi Carsten,
    tatsächlich kann ich mir ein Grinsen nicht verkneifen. Sogar bei dir, einem nachweislich dem Kern der Sache "High Fidelity" verpflichteten Zeitgenossen, hat die jahrzehntelange Penetration mit der Bedeutung von Zubehör offenbar funktioniert. Deswegen nochmal zum Mitschreiben: Kabel sind Spielsachen für Highender, die schon alles haben. "Normale" Anwender brauchen Lösungen ohne Bling, die einfach ihren Job machen. Nämlich Draht. In Sachen NF darf's auch gerne die Beipackstrippe sein, Wenn die nicht völlig korrodiert sind, dann klingen die nämlich beileibe nicht schlecht. Klar geht da noch mehr, aber das ist Politur in eine Region, die hier überhaupt nicht zur Debatte steht. Und fürs Löten von RG58 hat der gute Mann schließlich dich.
    Die 130 Euro gehören in Platten investiert.

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    1. Hi Holger,

      "Kabel sind Spielsachen für Highender, die schon alles haben" - da gehe ich mit. Ich habe mit Kabeln bisweilen auch so meine Schwierigkeiten und habe mich hier schon einmal darüber ausgelassen:
      http://2a3-maniac.blogspot.de/2013/04/audiokabel-voodoo-oder-wissenschaft.html
      Mit Samt ausgekleidete furnierte, polierte Edelholzkiste, NF-Kabel reingelegt, fettes vierstelliges Preisschild draufgeklebt - fertig ist die Suggestion des Komponentenstatus. Sehr schräg und durch nichts zu rechtfertigen.
      Andererseits können Kabel das Gesamtergebnis schon in Nuancen ins Positive oder Negative verschieben. Bleibt wie immer natürlich die Frage, wieviel einem das wert ist.

      Gruß
      Carsten

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  3. Hallo Carsten,

    vielen Dank für diesen super Beitrag. Ich für meinen Teil finde es absolut klasse wenn echte High End’er sich darauf besinnen das es ja auch eine bezahlbare Einstiegsdroge geben muss und ausgerechnet hier ist im WWW so gut wie nichts passendes zu finden. Bei mir war es ja auch so das die dunkele Seite des MP3 Imperiums mich schon über einige Dekaden weichgespült hatte und erst das alkoholisierte Streitgespräch mit einem guten Arbeitskollegen der sich in den obersten Regionen des High End bewegt brachte dann den Stein wieder ins rollen. Er hatte mich Ungläubigen eingeladen Ihn zum HH Hörtest 2013 zu begleiten um selbst zu hören. Ab hier die Kurzversion, ja auch ich bin wieder angefixt und habe mir genau den oben beschriebenen Dynavox VR-20 zugelegt ;-) nun dazu kam nach einigen Versuchen ein neuer Kopfhörer von Beyer den DT880 (600Ohm), dann ein KHV auch in Röhre. Nur der CD konnte ich noch nicht abschwören, eine Sony PS1 Mod-CD werkelt bei mir jetzt rum. Ehrlich gesagt spiele ich aber auch schon seit einiger Zeit mit dem Gedanken dem Vinyl wieder eine Chance zu geben und da ist oben beschriebener Scheibendreher von Pro-ject genau meine Wahl. Aber es geht natürlich wie wir alle wissen immer weiter, erst kaufen, dann verkaufen, neu kaufen und zwischen durch auch gerne mal selber bauen. Bei mir dann der PreAmp von Dynavox TPR-1 und über die kleinen Breitbänder Pico Lino 1 bin ich nun weiter auf die Breezer gekommen und da hatten wir ja schon regen Email Kontakt zusammen ;-) ja so geht es und ich würde es toll finden wenn Du hier nach dem „Einstieg“ auch gerne noch mal ein „Upgrade“ in die nächst höhere Stufe beschreiben könntest. Echt klasse bitte weiter so.

    Gruß Holger

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