Mittwoch, 29. April 2015

AcousticPlan Aruna: 300B/310A-Amp jetzt in Serienproduktion


Ganz selten gibt es sie, diese Momente, wo du plötzlich völlig angefixt bist und total fasziniert von einem Hifi-Gerät. Mein begrenztes Erinnerungsvermögen lässt mich trotz Einschränkungen locker fünf Jahre ungetrübt in die Vergangenheit blicken und ich kann mich nicht erinnern, in dieser Zeit von einer Hifi-Komponente einmal so fasziniert gewesen zu sein wie vom AcousticPlan Aruna. Passiert ist es auf den Hamburger Hifi-Tagen 2015, wie der am Thema Interessierte hier nachlesen kann.

Ein paar Tage sind ja seitdem vergangen und Claus Jäckle, Aruna-Entwickler und Mastermind hinter der Fa. AcousticPlan, hat laut eigenem Bekunden schon mit der Produktion angefangen und hofft, nächste Woche die ersten Geräte ausliefern zu können. Die erste Serie ist so gut wie ausverkauft, gleich startet die Produktion einer weiteren Serie  von (immer) 10 Stück.


Der Preis liegt bei EURO 8.800,- inkl. MwSt. Das ist schon mal ein Wort und sicher kein Sonderangebot aus der Grabbelkiste, derlei Gedanken verbieten sich bei einem Gerät dieser Güte aber ohnehin. Mit Blick auf vergleichbare Konkurrenzprodukte (die bei der 300B derzeit allerdings sehr überschaubar sind) möchte ich diesen Preis sogar vergleichsweise günstig und erfreulich weit entfernt von Künstlerhonoraren nennen. Hinweis: In diesem Preis sind selbstredend keine Western Electric Originale enthalten, denn allein diese würden preislich ja in der Größenordnung des Amps liegen...

Die Schaltung des Aruna entspricht ganz "klassisch" der WE91A Schaltung (ohne die erste 310A Stufe) - was man halt so macht mit einer 300B und einer 310A. Die Röhren haben eine Gleichstromheizung, was den Restbrumm im Vergleich zu Wechselstromheizungen weiter minimiert. Die HV-Siebung erfolgt teilweise mit Ölpapierkondensatoren mit kleinen Werten, um den Gleichrichter zu schonen. Dafür gibt´s viel Eisen: Kernquerschnitt (Größe & Form) sowie Wicklungsaufbau des Ausgangsübertragers entsprechen dem WE171A. Claus (Jäckle) hat mir verraten, dass hier die meiste Entwicklungszeit (und damit auch der Großteil der Entwicklungskosten) drinsteckt. Dabei wird der Frequenzgang insgesamt nicht durch den Ausgangsübertrager bestimmt, sondern durch die Kopplung der 310A mit der 300B. 


Was ich persönlich besonders erfreulich finde ist die Tatsache, dass die Verlustleistung der 300B klein gehalten wird, um die 300B zu schonen - der Connaisseur möchte schließlich mit seinen WE-Originalen hören und dabei sicher sein, dass seine Pretiosen nicht gegrillt werden... Also stehen 6 Watt Ausgangsleistung zur Verfügung, wohingegen andernorts schon einmal bis zu 8 oder 9 Watt aus der 300B gequetscht werden. Völliger Unsinn, denn diese 2-3 Watt "Mehr" an Leistung sind de facto rein akademischer Natur und spielen in der Praxis keine Rolle. (Und mal ehrlich: Wer braucht mit anständigen Lautsprechern schon mehr als 6 echte Trioden-Watt?!)

Verbaut wurden weiterhin fast nur Kohlemassewiderstände, Folienkondensatoren mit echter Metallfolie und Elkos im Netzteil nach alter Machart, noch echt made in Germany. Die Gehäuse sind aus gefrästen und geschliffenen Aluminiumplatten, nicht vergleichbar etwa mit den heuer oft üblichen "Blechkisten".


Technische Daten:
  • 2 x 6 Watt Ausgangsleistung
  • Eingangsempfindlichkeit 0,7 V für Vollaussteuerung
  • Eingänge einzeln mit 6 dB abschwächbar
  • Ruheströme der 300B und der 310A über das Display ablesbar (wie bei WE91A)
  • umschaltbar von Vollverstärker auf Endstufe
  • Tape-Ausgang
  • zwei Ausgangsimpedanzen: 4-12 Ohm und 16-25 Ohm
  • Lautstärkeregelung mit Relais


Ich bin ja eigentlich nicht so sehr zu haben für Kraftausdrücke, aber jetzt muss es einfach mal raus: ein saugeiler Verstärker! Dir lieber Claus, danke ich für all die Informationen und ich wünsche Dir viel (geschäftlichen) Erfolg mit diesem Sahneteil!

Bevor ich es vergesse: Auf Klangbeschreibungen verzichte ich an dieser Stelle ganz bewusst. Dem Vernehmen nach wird das aber bestimmt schon zeitnah nachgeholt werden, und zwar von der (amtlich zuständigen) Röhrenkoryphäe schlechthin in Deutschland...

Dienstag, 21. April 2015

Höchst Empfindlich: Lautsprecher mit 20er SABA Blackcones

Lautsprecher sind das wichtigste Glied einer (Musik)Wiedergabekette. Das wichtigste Element bei der Musikwiedergabe an sich ist und bleibt immer noch der Hörraum, dessen Anteil am Gesamtergebnis ich bei ca. 50% sehe. Die anderen 50% liegen bei der - genau - "Wiedergabekette". Das Wort klingt (un)schön abstrakt, nicht wahr?! Wie auch immer, lassen wir einmal Kabelgedöns & Co. außer Betracht, besteht unsere Kette aus Quelle, Verstärker und Lautsprecher. Und eben jene Lautsprecher bestimmen das Gesamtergebnis der Kette an sich zu (mindestens) 60%, Quelle und Verstärker liegen m.E. bei jeweils höchstens 20%. So gesehen machen die Lautsprecher also 0,5 x 0,6 = 30% am Gesamtergebnis aus. Wer dieser Betrachtung folgend also seinen Hörraum klug gestaltet und sich anständige Hochwirkungsgradlautsprecher hinstellt, hat schon 80% der Ernte eingefahren... Mit halbwegs anständigem Verstärker und brauchbarer Quelle kann gar nicht mehr viel schiefgehen. Im Folgenden soll es daher endlich mal wieder um Hochwirkungsgradlautsprecher gehen.

Hochwirkungsgradlautsprecher sind nicht der Königsweg im Lautsprecherbau, sondern der einzig zulässige. Alles unterhalb von grenzwertigen 91-92 dB ist Schrott. Weiterhin sind ausschließlich Vollbereichsbreitbänder zulässig. Ohne Filter, Saugkreise oder ähnlichem Unsinn selbstverständlich. Zweiweglösungen? Frequenzweichen? Pfui! Allenfalls per Kondi nach unten hin begrenzte zusätzliche Hochtöner, die einen Vollbereichs-BB zu einem so genannten 1,5-Weger ergänzen, sind akzeptabel.

Nennt mich borniert, engstirnig oder verbissen - ich wähne mich in dieser Hinsicht durchaus Götz Wilimzigs Philosophie verbunden (vgl. auch hier). Fürderhin sehe ich es persönlich hier und da mittlerweile sogar noch ein wenig kompromissloser: Bassreflexlösungen gehen gar nicht, und auch mit Hörnern habe ich mittlerweile so meine liebe Not... Ein BB gehört in ein Horn?! Nee, also wirklich... Ein BB, der "untenrum" auf die Hilfe eines Horns angewiesen ist, taugt eben nix. Open Baffle-Lösungen oder Gehäuse mit hinreichend großen Ventilationsöffnungen für den akustischen Kurzschluss, die aufgrund ihrer Größe nicht mehr in die Kategorie Bassreflexöffnung fallen, sind akzeptabel. Oder eben auch noch Transmissionlines - eine Bauform, die völlig zu Unrecht ihr stiefmütterliches Dasein fristet.

Nachdem ich also mein engstirniges Dogma kurz umrissen habe, kann ich für die zwei bis drei verbliebenen Leser ganz entspannt weiter schreiben. Moin Jungs, wir sind jetzt unter uns!
  
  
  
  
  

  
Man nehme: SABA Blackcones (hier: 5298U8, Tigges Magnet und 5238U8, Magnetfabrik Dortmund - "Fünföhmer", aber nützt ja nix), wenn gerade zur Hand. Klar, Ausschlachten ist mal wieder angesagt, natürlich per se Frevel schlechthin. Sei´s drum... Das Ensemble wird mit einem 2,2 µF WIMA MKP4 gekoppelt.

Sei´s drum die Zwote: Das Ganze findet eine neue Heimat in einer Bassreflexkiste (ausgerechnet!), und zwar nach einem Entwurf von Götz Wilimzig. Allerdings keine völlig profane typische Kiste mit unsäglich langem Bassreflexrohr, welches (auch klanglich) eher an eine Luftpumpe erinnern würde. Sondern es handelt sich um eine Kiste aus Tonholz in Wandstärken zwischen 10,5 und 9 mm. Hier lohnen durchaus Versuche mit unterschiedlichen Wandstärken, wobei tendenziell doch eher 9 mm vorzuziehen sind. Mit Tonholz meine ich Klangholz, welches sich für den Musikinstrumentenbau eignet. Wer das Thema ein wenig vertiefen möchte, kann das hier auf Wikipedia tun.
 

Vorbilder:
    

Bildquelle: Jogis Röhrenbude, aus dem Buch "Höchst Empfindlich" von Dr. Götz Wilimzig & Rüdy Gysemberg


   
Bildquelle: Jogis Röhrenbude, aus dem Buch "Höchst Empfindlich" von Dr. Götz Wilimzig & Rüdy Gysemberg


Wer mag, kann natürlich zum Schluss ein wenig mit Dämmmaterialien experimentieren. Ich würd´s lassen, spart Zeit und Frust: Warum mit dem dicken Hintern wie ein Elefant im Porzellanladen alles wieder umschmeißen, was man zuvor so schön aufgebaut hat?! 
(Edit: Eventuell lohnt sich ein Ausprobieren von Dämmstoffen doch, da nicht unbedingt "gedämmt", sondern "gefiltert" wird. Kleiner, aber feiner Unterschied...)

Wer sich hierauf einlässt, ist ohnehin schon längst aus dem Kinken des Mainstream getreten und wird belohnt mit einer Musikwiedergabe, die so meilenweit vom typisch-blöden Hifi-Geschisse (sorry!) entfernt ist, dass man im Standard-High-End-Zirkel ohnehin als Aussätziger gilt.

Uns Verrückte (hallo, Thomas!) ficht das natürlich kein Stück an, wir setzen unser zufrieden-dümmliches Grinsegesicht auf und hören einfach glücklich MUSIK.

Samstag, 18. April 2015

RCA Cunningham 2A3 Monoplate

Bilder sagen ja oft mehr als tausend Worte - hier endlich einmal der 2A3-Klassiker schlechthin: die RCA Cunningham 2A3 Monoplate in blitzsauberer NOS-Qualität. Fehlte ja noch auf meinem Blog - und auch in der 2A3-Galerie.







Samstag, 11. April 2015

Zeichnungen für Stonehenge III mit Altec 604-8G

Hier aus gegebenem Anlass ein kleiner Nachschlag für alle Altec-Fans, die Gehäuse für ihre Treiber (nach)bauen wollen. In Jeff Markwart´s Corner gibt es eine Fülle von Bauplänen originaler Gehäuse für die Altecs. So z.B. auch für die kürzlich hier vorgestellten Stonehenge III Gehäuse:


Den Plan in hoher Auflösung als PDF-Datei gibt´s bei Jeff Markwart

Jeff ist überhaupt ein ausgewiesener Altec-Experte, wie es wohl kaum einen zweiten gibt. Auf Basis seiner Pläne sind ja auch die Stonehenge III von Björn entstanden, hier noch die Testgehäuse:

Montag, 6. April 2015

Höchst Empfindlich "Reloaded"

"Einfach mal so..." lautete die Betreffzeile einer E-Mail, die ich kürzlich bekam. Vielmehr handelte es sich um eine ganze Serie vieler E-Mails von Thomas mit einer Fülle von Bildern seines "Zeugs". Passiert ja häufiger, dass mir jemand initiativ Bilder zusendet. Sowas weckt auch meistens meine Neugier, zumal wenn der beschreibende Text wie in diesem Fall nicht reißerisch, sondern eher zurückhaltend und unprätentiös daherkommt. Dann steckt meistens was dahinter.

Es wurde im Laufe unserer kurzen E-Mailkonversation schnell deutlich, dass Thomas ein - sagen wir einmal - "Jünger" von Dr. Götz Wilimzig zu sein scheint. Tatsächlich bestätigte Thomas mir, dass beide schon vor über zwei Dekaden im regen Erfahrungsaustausch, damals noch (quasi "klassisch") per echtem Brief, standen. (Wissen die jüngeren Blogleser unter Euch überhaupt noch, wie das geht...?!)

Jedenfalls möchte ich in diesem Beitrag allenfalls einige kleine "Appetizer" (von Thomas) abbilden und mich zunächst darauf konzentrieren, darzustellen, was es denn eigentlich mit den Ideen von Dr. Götz Wilimzig auf sich hat.

Das Buch "Höchst Empfindlich" ist ein Buch von Götz Wilimzig und Rüdiger Gysemberg über Röhren, Radiolautsprecher und Retro-Hifi. Und über Musik. Erschienen ist es bereits Ende 2002 und heutzutage leider völlig vergriffen. Neue Auflagen wird es wohl auch nicht mehr geben, wie Götz mir auf Nachfrage kürzlich mitteilte, was ich übrigens außerordentlich bedauerlich finde.

Ich möchte der guten Ordnung halber erwähnen, dass bereits vor der Erstveröffentlichung in 2002 ein Kapitel aus dem Buch auf der Webseite von Jogis Röhrenbude erschienen ist. Mit freundlicher Genehmigung von Götz Wilimzig darf ich hier aus gegebenem Anlass noch einmal dieses Kapitel bringen. Götz bat mich allerdings, die Unterkapitel 9.6 und 9.7 wegzulassen, da diese zu überarbeiten bzw. auf den heutigen Stand zu bringen seien. Diesem Wunsch entspreche ich natürlich gerne und ich möchte mich an dieser Stelle bei Dir, lieber Götz, noch einmal herzlich bedanken!

ORIGINALE...
   

Bildquelle: Jogis Röhrenbude, aus dem Buch "Höchst Empfindlich" von Dr. Götz Wilimzig & Rüdy Gysemberg

   
Bildquelle: Jogis Röhrenbude, aus dem Buch "Höchst Empfindlich" von Dr. Götz Wilimzig & Rüdy Gysemberg


...und NACHBAUTEN (von Thomas):



(Details zu Treibern, Holz und Konstruktion folgen demnächst in weiteren Beiträgen)

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"Kapitel 9: Das Beste sind Originale

9.1 Historisch – und das ist gut so

Der ideale Lautsprecher vereint mindestens die folgenden Eigenschaften auf sich. Er strahlt den Schall direkt ab, arbeitet ohne Frequenzweiche, die viel zu viele Fehler macht, benutzt also Breitbandchassis, wandelt möglichst viel der reingesteckten elektrischen Energie in Klang um, ist also höchstempfindlich, und leicht anzutreiben, sprich, benötigt seitens der Endstufe keine irrwitzigen Dämpfungsfaktoren, ist überdies noch entsprechend klein, um sich in ein vierzig bis fünfzig Liter großes Gehäuse einbauen zu lassen, schließlich soll er ja wohnraumtauglich sein, und dann sind da noch ein paar nachgeordnete, leider aber nicht unwichtige Forderungen ... kurzum, die Suche nach dem heiligen Gral ist auch nicht komplizierter. Und er wird heute nirgendwo mehr produziert - wer’s nicht glaubt, wird im Handel abgestraft. Aber er wurde mal gebaut. Vor allem in alten Radios, die damals das Monatseinkommen eines Durchschnittsverdieners kosteten, wenn sie zur besseren Sorte gehörten. Da waren die Chassis freilich in Radiogehäuse eingesperrt, die akustisch nicht das Gelbe vom Ei waren, aber teilweise toll aussahen. Es gab jedoch auch separate Schallwandler, wie der Blick in alte Funkschau-Hefte zeigt. Wer Röhre will, wer Magie will, kommt daran nicht vorbei. Warum das so ist, und dass wir nicht die ersten sind, die das entdecken, davon wird später die Rede sein.

9.2 Die Magie der höchstempfindlichen Schallwandler

Hohe Empfindlichkeit heute - das ist ein Synonym für Lowther. Ein höchstempfindliches Chassis für alle Frequenzen – es gibt niemanden in der gesamten Branche, der diese Fahne so geschwenkt hätte wie Lowther. Und deswegen verdient sich dieses weltbekannte Chassis hier die erste Erwähnung. Dabei sind diese englischen Chassis nicht besonders empfindlich, wie Frequenzschriebe von L’Audiophile (No.26; Dez.1982) und der Münsteraner Lautsprecherbibel (Michael Gaedtke; Das Lautsprecherjahrbuch 1987) belegen, denn im Bereich unterhalb von 1 kHz lassen Sie einen ausreichenden Wirkungsgrad schmerzlich vermissen. Das war früher einmal anders, worauf L’Audiophile hinweist. Und deswegen sind sehr frühe Lowther-Chassis – wenn sie denn noch laufen! - so außerordentlich gesucht und begehrt. Dieter Kirchhoff, deutscher Lowther-Spezialist und ein um Seriosität äußerst bemühter Mann, spricht nicht generell von Empfindlichkeit, sondern davon, dass sich in Hornkonstruktionen Empfindlichkeit einstellt. Kein Wunder. In einem Horn sind die meisten Schallwandler "hochempfindlich", wie uns Bruce Edgar mit einem stinknormalen Dynaudio-Chassis lang und breit demonstriert hat. Aufgrund seines drastischen Schalldruckabfalles im Grundton und im Bass suchen Besitzer dieses Chassis nach dem Horn, das genau die Schwächen des Lowther korrigiert. Lowther-Gläubige werden nicht müde, einem freudestrahlend zu berichten, nun endlich hätten sie ein besseres gefunden. Die Zahl der angeblichen Lösungen wächst und wächst. Leider folgen Hörner akustischen Gesetzmäßigkeiten, die nicht vom Chassis abhängen. Und so passen die Lowther-Schwächen und die Hörner auf ewig nicht zusammen. Was soll der Trioden Freak, erst recht derjenige, der aus klanglichen Gründen Röhren kleiner Leistung bevorzugt, also tun? 

9.3 Irr- und Auswege

Wir können die Idee des Breitbänders fallenlassen. Dann landen wir etwa bei Focal-Chassis mit Polyglass-Papiermembran und zwangsweise bei Zwei- oder Dreiwege-Konzeptionen mit allen sattsam bekannten Nachteilen. Das ist nicht jedermanns Sache. Immerhin ist dabei der Bereich der Mitten halbwegs heile geblieben.

Oder wir folgen der Spaltungstheorie, hacken das Ei respektive den Frequenzbereich mittendurch und hoffen, dass das dann gut geht. Dann landen wir bei dicken Profibässen (38 cm) mit Hochtonhorn Marke Voice of the Theatre und den vielen artgleichen Konstruktionen. Auch das ist nicht jedermanns Leidenschaft. Oder wir weichen auf die Vollbereichshörner aus, womit wir bei Bruce Edgar wären, der die bei weitem angenehmsten Vertreter dieser Spezies propagiert. Konzeptionsbedingt sind sie nur in Zwei- bis Vierwegetechnik zu haben; je weniger Wege, desto teurer. Nur ist dies nicht jedermanns Weg. 

Wir könnten aber auch in die Fußstapfen eines berühmten Lautsprecherkonstrukteurs treten, der nicht müde wurde zu betonen: "the midrange is where we live". Diese vielmissachtete Weisheit von Paul Klipsch wird konstruktiv und klanglich nur dann realisiert, wenn die Mitten nicht oben und unten abgeschnitten werden, wenn keine Weiche an den Bereichsenden Phasendrehungen verursacht, wenn keine anderen Chassis - zwar durch die Frequenzweiche gedämpft, aber dennoch - in die Mitten hineinspielen. Womit wir beim Breitbänder wären. Er hat über die Jahre hinweg fasziniert, hat Leidenschaften geweckt wie kaum ein anderes Prinzip, er steht für Musikwiedergabe pur. Ganz nebenbei hält er dem Druck des Kommerziellen stand; den Quad ESL63 - ein echter Vollbereichs-Breitbänder - gibt es seit über dreißig Jahren: das ist Branchenrekord. Ich wollte, das Lowther-Chassis wäre ebenfalls unverändert geblieben. Denn leider ist der Quad nicht empfindlich. Und bei aller Begeisterung für seine Vorzüge klingt er ein wenig schlapp, untenrum mulmig, oben rum weggesoftet. Eben unempfindlich. Der Ausweg aus diesem Dilemma ist so einfach zu finden wie die Röhrentechnik: man muss in die Vergangenheit schauen.

9.4 Wie sie sind, was sie auszeichnet

Die Antwort liegt in jener Ära, in der Radios Single-Ended mit einer EL84, EL 41 oder UL41 betrieben wurden und eine Leistung von vier bis fünf Watt hatten. Schalltechnisch gesehen werden diese Geräte mit gelochter Rückwand betrieben, das Funktionsprinzip ist das einer offenen Schallwand. Deshalb sind alle Chassis ungeeignet, die von 100Hz bis 1kHz weniger empfindlich sind; mit ihnen wäre bei der verfügbaren Leistung kein ausreichender Schalldruck zu erzielen; selbst dann nicht, wenn der Radio-typische Bassregler voll aufgezogen würde.

Ob ein Chassis etwas taugt, ob es im gesamten Frequenzbereich empfindlich ist, lässt sich einfach genug feststellen. Der Beste, der aussagefähigste Test besteht darin, den bzw. die Schallwandler mindestens sechs Wochen lang auf einer offenen Schallwand zu hören. Ein Brett von 70 cm Breite und 100 cm Höhe genügt dazu; das (Haupt-) Chassis muss exzentrisch montiert werden. Dabei sollen auf gar keinen Fall frequenzgangkorrigierende Maßnahmen gebraucht werden. Also keine Notchfilter, keine Lautstärkeanpassung des Hochtöners, gar nichts. Alle Schallwandler, die bei diesem Test versagen, geben bestenfalls einen zweitklassigen Lautsprecher ab. Kleine Anmerkung aus meiner Praxis: Jeder neuere Lowther versagt, einen alten Supravox zum Beispiel kann man akzeptieren.

Zurück zu den frühen Radiochassis. Sie haben außergewöhnlich viele Gemeinsamkeiten. Die Magnete sind aus Alnico. Ferritmagnete, international oft Keramikmagnet geheißen, wurden erst ab 1957 eingeführt. Verglichen mit manchem modernen Wandler sind die verwendeten Alnicos überraschend klein, die Höchstempfindlichkeit wird nicht über die Magneten erreicht, sondern auf anderen Wegen. Dahinter steht die Einsicht, die Renaud de Vergnette (von Triangle) wiederentdeckt und gemessen hat (L’Audiophile No.5, Juni / Juli 1989): Der Magnet ist ein Speicher für mechanische Schwingungen, rappelt beim Betrieb des Chassis und schafft parasitäre Resonanzen, die einer präzisen Schallwandlung nur schaden können. Das wussten die Konstrukteure der frühen Jahre und bauten dementsprechend kleine Magneten. Nebenbei bemerkt schafft einseitige Gigantomanie mehr Problem als sie löst; es sind die schrecklichen Simplifizierer, die so banal werkeln. Ein echtes Verständnis des elektrodynamischen Schallwandlers konstruiert anders.

Die LS-Körbe sind leicht, aus gestanztem Blech und -erst einmal eingebaut- überraschend resonanzarm. Auch dort spielt parasitäre Schwingungsenergie kaum eine Rolle. Über fünfzig Jahre später sollte der Flugzeughersteller Airbus in aufwendigen Forschungsreihen belegen, dass es schwingungstechnisch das Beste ist, ein Blechteil gezielt in mehrere Partien zu zerlegen und dann mit möglichst wenig Verbindungspunkten zum Ganzen zusammenzufügen. Ein führender Hersteller der fünfziger Jahre hat so Lautsprecherkörbe gebaut!! Dies Beispiel zeigt stellvertretend für viele andere, mit welchem Können die damaligen Lautsprecher entstanden sind. Die Luftspalte sind extrem klein; heutige 20er Chassis haben typisch 4 mm und mehr, alte 1 mm. Bei Hochtönern habe ich schon 0.8 mm gemessen. Und in diesem einen Millimeter sind die Papiermembran und die darauf verklebte Spule untergebracht – ohne irgendwo anzustoßen! Solche phänomenalen Werte sind nur mit Präzisionsfertigung zu erreichen; diese Radiochassis stammen aus der Ära, in der geschickte Frauenhände (die heute als unnützer Kostenfaktor gelten) die Montage ausführten. Die Papiermembranen schließlich weisen uns die Grenzen. Sie sind heute nicht mehr herstellbar. Wie so manches andere; jahrhundertealte Stradivaris können wir genauso wenig duplizieren wie jahrzehntealte Röhren, mit all unserer Hochtechnologie schaffen wir weder so gute Geigen noch so gute Röhren, so gute Papiermembrane auch nicht.

Dass das so ist, haben die Elektrogitarristen gleichermaßen festgestellt: Der Klang eines Jensen P12Q aus den fünfziger Jahren ist mit heutigen Gitarrenchassis nicht erreichbar (Fachblatt Musikmagazin 6/97). Wir stehen nicht allein, wenn wir die fabelhaften Eigenschaften alter Schallwandler konstatieren, wir reihen uns vielmehr unter all jene ein, die das vor uns bereits herausgefunden haben.

9.5 Unbekannte Qualitäten

Qualität wird erst möglich durch die Optimierung vieler Faktoren, vor allem derjenigen, die mehr erahnt als wissenschaftlich - technisch erfasst werden. Frederik Forsyth bringt es auf den Punkt: "In matters of technical skill there are four levels - competent, very good, brilliant and a natural" (The fist of God). Von der Arbeit solcher Naturtalente sprechen wir, wenn es um Radiochassis geht. Es ist nicht zufällig, dass unter Kennern die Röhren dieser Ära denselben legendären Ruf genießen. Und das hat nichts mit Nostalgie zu tun, es ist vielmehr der ultimate Trip für Perfektionisten. Jeder, der mal mit einer chinesischen 2A3 oder 300B begonnen hat und danach zu einer RCA monoplate oder alten WE300B aufgestiegen ist, weiß Bescheid; bei aller Preiswürdigkeit der Nachbauten steht fest, dass sie die Originale nicht erreichen. Diesen Test kann man auch bei Lautsprechern machen, mit denselben Ergebnissen: die alten sind die besseren.

20er Radio-Chassis haben in der Regel keinen zweiten inneren Konus. Dementsprechend reicht der Frequenzgang bis 10 KHz, was einen zusätzlichen Schallwandler für höhere Frequenzen erforderlich macht. Diese Zusatzchassis, zwei Stück, mit einem Kondensator abgetrennt (und damit elektrisch vor Zerstörung geschützt), setzen bei 7 KHz ein. Es handelt sich also um eine (in heutiger Sprache) anderthalb - Wege - Konzeption, die einen Breitbänder mit einem Superhochtöner kombiniert und sich durch das Fehlen einer normalen Frequenzweiche auszeichnet.

Das ganze wird in ein 40 bis 50 l großes Gehäuse eingebaut, aus sehr dünnem Birkensperrholz mit mindestens 7 Lagen. Wem das suspekt erscheint, sollte sich zunächst mit einer Sperrholzkiste vom Baumarkt oder IKEA behelfen. Denn Tischlermeister, die solch ein Material führen und ordentlich verarbeiten können und obendrein solch einen Auftrag annehmen, sind im Heimwerkerland sehr rar geworden. Das Gehäuse wird ventiliert über ein Bassreflexrohr und mit akustischem Schaumstoff bedämpft. Bei der heute bevorzugten Gigantomanie ist dies ein ungewöhnliches Konzept, doch in den Funkschauen und Firmenunterlagen der 50er Jahre, den alten Radios und Gitarrenverstärker wurden ungedämpfte, dünne Wände verwendet, weil die Gesetze der Akustik auch damals schon galten.

Drei Lautsprecherklassiker haben dieses Konzept bis in die 80er Jahre gerettet und wurden deshalb von den Kritikern der deutschen Fachpresse buchstäblich "in die Zange genommen". Doch während die Kritiker von einst längst vergessen sind, werden diese Lautsprecher mit 12 mm Seitenwänden noch immer gesucht: Spendor BC1A, Spendor 75/1 und der BBC LS3/5A. Im Übrigen schaffen es Flugzeugbauer, die brüllend lauten Triebwerke im innerem des Flugzeuges auf Autoniveau zu dämpfen, obwohl sich dicke Wände oder die beliebten, schweren Antidröhnmatten selbstredend verbieten. Aber die Herren Akustiker reden ja auch nicht von Steifigkeit der Wände, sondern von Transmissionsverlusten, was der physikalischen Wahrheit sehr viel näher kommt.

Rundfunkchassis bestechen durch eine hinreißende Dynamik und mikroskopische Feinzeichnung; Ausgewogenheit und Homogenität sind kein Thema, von beidem gibt es mehr als anderswo; Natürlichkeit und Plastizität verleihen ein einzigartiges Gefühl von Lebensnähe; menschliche Stimmen schließlich, dass Maß der Dinge in den Mitten, kennt niemand in der Wiedergabe, solange er nicht einen mit diesen Chassis gebauten Lautsprecher gehört hat. In einer Zeit, in der Freaks allmählich herausfinden, dass Radiosammler die EL84 aus den Goldenen Jahren längst aufgekauft haben, denn es gab und gibt keine besseren, sollte man sich damit beeilen zu entdecken, dass die "goldenen" Radiochassis ebenfalls die besten waren. Und sind. Noch ist es erst fünf vor Zwölf. Es könnte aber leicht möglich sein, dass ein solches Gerät sehr viel besser ist als die vorgeschalteten Komponenten, die unheimlich gekostet haben, und dass es diese Komponenten gnadenlos als Blender entlarvt, obwohl sie von - angeblich - renommiertesten Entwicklern stammen.

Also Vorsicht! Wir sprechen hier über die besten jemals gebauten Schallwandler, über jene Originale, zu denen nichts Vergleichbares existiert. Und die es nie wieder geben wird.

Doch zum fertigen Lautsprecher ist es naturgemäß ein Stück Weges. Jedem, der unbedingt selber bauen will und der noch keine eingehende Erfahrung mit Hochempfindlichen hat, möchte ich dringend anraten, mit der offenen Schallwand zu beginnen und sich dann Schritt für Schritt voranzutasten."

(Anmerkung: Ich habe mir erlaubt, den Text an die neuen Rechtschreibregeln anzupassen.)
  
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Ich will nicht verhehlen, dass mich viele von Götz´ Ideen seit Langem schon immer wieder inspiriert haben. Daher möchte ich die Gelegenheit nutzen und an dieser Stelle - nach meiner direkten "Ermunterung" bereits vor einiger Zeit im direkten Dialog zwischen uns - nun auch öffentlich an Götz den Appell zu richten, doch einmal ein neues Buch zu schreiben. Quasi ein Höchst Empfindlich "Reloaded".
;-)

Weitere Bilder und Details zu den DIY-Geräten von Thomas, welche auf Ideen von Götz Wilimzig bzw. seinen Entwürfen basieren, gibt´s demnächst.